Seit dem Death Metal Debüt „Always …“ von 1992 haben sich The Gathering immer weiter von ihren Wurzeln entfernt und spätestens mit dem Erscheinen von „Home“ hat sich das Thema Rock anscheinend entgültig verabschiedet – zumindest vorerst. Der Erfolg bleibt dennoch – die Zielgruppe hat sich verschoben, dennoch hat die Band immer noch eine größere Folgschaft aus der Metalszene zu verbuchen, Scheuklappenfreiheit und ein erweiterter musikalischer Horizont sind aber unbedingte Voraussetzung für jeden geschäftsmäßigen Verkoster metallischer Tonkunst.
Erst kürzlich gewannen die Niederländer den EDISON AWARD für die beste nationale Musik-DVD – vergleichbar mit dem amerikanischen Grammy, dem Brit Award oder auch dem deutschen Schallplattenpreis.
Was bietet „Home“? Auf keinen Fall Rock, erst recht kein Death Metal. Wer Rübeschütteln und Frust abreagieren will, der lasse bitte die Finger von dieser Schreibe. Geboten wird hier zutiefst introvertierte Musik, auf der Gothic-Schwelle, ohne kitschiges Klischee-Auswalzen; warum nur auf der „Schwelle“? Genretypische Weinerlichkeiten und mehr oder weniger wortgewaltiges Selbstbemitleiden fehlt hier, der Sound ist von Industrial-Anklängen durchwirkt, Klangfarben von Einsamkeit malen dunkle Gemälde von Wehmut, Verdüsterung und Weltschmerz. Einige Elektrotupfer sind etwas zu dominant ausgefallen und verbergen ein ums andere Mal die „echten“ Musiker, aber meistens ordnen sich die künstlichen Klänge gut dem eher organischen Grundton des Albums unter.
Bemerkenswert ist die Gesangsleistung von Frontfräulein Anneke van Giersbergen, die unheimlich differenziert und gefühlvoll intoniert. Das ist kein Gesang für Fans des power-metallischen Dampframmen- und Kastratengeträllers, Kraft und Aggressivität sind zwar unverzichtbare und gute Stilmittel im Metal, doch fehlt sehr vielen Sängern neben aller Kraft leider ein Gespür für Stimmungen, Nuancen werden gnadenlos in konstantem Kraftmeiergebrüll ertränkt. Van Giersbergen singt sich zwar nicht durch sämtliche Oktaven, ihre Stimme bleibt zumeist auf einem Level, innerhalb dieser Stimmlage legt die Niederländerin aber so viel Gefühl und Ausdrucksvermögen an den Tag, daß man in den Gesängen am liebsten versinken möchte. Die Songs im einzelnen herauszugreifen macht keinen Sinn, denn „Home“ ist ein einziges Fließen von Stimmungen, die nur in entspannter Atmosphäre und unter konzentriertem Lauschen ihre volle Wirkung entfalten können. Kopfhörermusik.
FAZIT: Beim oberflächlichen Probehören wird sich „Home“ sicher nicht erschließen. Für den konzentrierten Hörer wird sich aber eine kleine Schatztruhe dunkler, zuweilen sogar von melancholischer Wärme durchfluteter Stimmungen auftun.
Punkte: 11/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 26.01.2008
Marjolein Kooijman
Anneke van Giersbergen
René Rutten
Frank Boeijen
Hans Rutten
Frank Boeijen (programming)
Sanctuary
60:25
2006