Ok, wer nur auf der Suche nach krachendem Metal, heroischen Chören, bollernder Double Bass und schneidenden Gitarrensoli ist, sollte genau hier aufhören zu lesen. Wer allerdings gerne mal über den Rand seiner schwermetallischen Schüssel blickt, in der ansonsten das reinheitsgebot-konforme Metal-Süppchen schwappt, sollte innere Ruhe mitbringen und die aufmerksam gespitzten Lauscher in Hab-Acht-Stellung bringen: THE PINEAPPLE THIEF verströmen britische Melancholie in Reinkultur.
Sehr akustisch geht es hier zu. Zerbrechliche Akkordfolgen und subtile Perkussion hinterlegen den entrückten, unaufdringlichen Gesang Bruce Soords. Traurige Harmonien dominieren „Little Man“ und auch Monotonie – doch stets in gesundem Maße, denn Langeweile kommt nicht auf. Kleinere elektronische Spielereien verzieren die schwebenden Klangreisen in Moll dezent und verleihen so z.B. dem epischen „We Love You“ einen postrockigen Anstrich. Kitschfreies Violinenspiel unterstützt den verzauberten Weltschmerz von „November“ – kalte Jahreszeiten sind ein gutes Stichwort: Nicht nur das Artwork atmet die beizeiten reinigende, heilsame Einsamkeit eines Wintertages, auch die Songs passen zu einem langen Spaziergang im Eis, begleitet nur vom Knirschen des Schnees und den Gedanken im Kopf. Von Weinerlichkeit ist bei „Little Man“ keine Spur zu finden. Genau in den richtigen Momenten ziehen entweder Schlagzeug und E-Gitarre an - oder die introvertierten Songs bekommen Luft zum Atmen, weiten sich aus in soundtrackhafte Soundflächen.
Manchmal fühlt man sich an PORCUPINE TREE erinnert, allerdings zu „Lightbulb Sun“ Zeiten. Wer dieses Album noch im Schrank stehen hat, könnte etwa „How Is Your Life Today?“ oder „The Rest Will Flow“ lauschen und so einen Eindruck vom Gesang Bruce Soords bekommen. Eine Wilson Kopie liegt hier aber in keinster Weise vor. Als Seelenschmeichler vor dem Herrn sei noch „Wait“ erwähnt – der Gesang erinnert an die todtraurige, grunzfreie Einleitung von OPETHS „Dirge For November“, die schwungvollen Streicherflächen an so manche BEN FOLDS Komposition.
FAZIT: Für die nachdenklichen, einsamen Stunden. Traurig, aber nicht depressiv, denn so manch verirrter Sonnenstrahl beleuchtet die 11 Kompositionen und läßt sie warm und golden funkeln.
Punkte: 11/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 19.01.2008
Jon Sykes
Bruce Soord
Wayne Higgins, Bruce Soord
Steve Kitch
Keith Harrison
Cyclops / Just For Kicks
56:18
2006