Im Hause Axel Rudi Pell gibt man sich weiterhin nicht knauserig was Veröffentlichungen angeht; da dies bisher keine merklichen Qualitätseinbrüche zur Folge hat, darf es den Fan weiterhin freuen. Habe ich schon erwähnt, dass das nächste Studioalbum noch für dieses Jahr angekündigt ist? Ganz so weit ist es aber noch nicht, dafür liegt ab sofort eine neue DVD beim Musikdealer bereit, nach der "Knight Treasures" von 2002 die zweite der Band um den blonden Guitarero aus dem Ruhrpott. Genauer gesagt ist es ein Doppelpack und auf dem wird in Bezug auf die Laufzeit schon mal mächtig geklotzt. Prall gefüllt mit dem Wesentlichen bei komplettem Verzicht auf irgendwelche verspielten Extras kann man über 3,5 Stunden die Band in der Bühnenoptik bewundern.
Die Hauptvorstellung findet sich auf Disc 1 mit dem Auftritt beim letztjährigen Rock Hard Festival im Gelsenkirchener Amphitheater, den die Band im Rahmen ihrer "Mystica-Tour" gespielt hat. Der technische Aufwand bzgl. Bild, Ton, Kameraeinstellungen etc. ist dabei sicherlich keine Premiumklasse, aber zweifellos standesgemäß und gibt keinen Grund zur Klage. Wie bei einem Festival üblich (sofern man nicht Headliner ist), waren die Bühnenaufbauten und Effekte, vom Backdrop und ein paar Pyros mal abgesehen, recht übersichtlich, dafür zeigt sich die in blau-violettes Licht getauchte Band spielerisch auf der Höhe, was auch das Publikum, das logischerweise nicht gänzlich aus eingefleischten ARP-Fans besteht, zu würdigen weiß, und dessen Reaktionen eigentlich mit jedem Song besser werden. Dass sich die Band nach mittlerweile fast zehn Jahren in dieser Konstellation blind versteht ist, zahlt sich dabei ebenso aus, wie die bekannte individuelle Klasse ihrer Mitglieder. Ist es gerade zu Showbeginn noch Sänger Johnny Gioeli, der bei Songs wie "Fly To The Moon" und "Strong As A Rock" mit seiner hervorragenden Livestimme am stärksten im Blickfeld steht, nimmt auch die Präsenz seiner Mitstreiter immer mehr zu und auch Axel Rudi Pell selbst spielt sich durch ausweitende Solophasen immer mehr ins Zentrum des Geschehens. Dabei zeigt er vom Auftreten bzw. in seiner Intovertiertheit weiterhin einige Parallelen zu seinem bekannten Vorbild. Er lässt auf der Bühne halt lieber seine weiße Fender sprechen und Griffbrett-Hexereien und gefühlvolle Leads finden sich erwartungsgemäß reichlich, so dass man ihm nicht nur bei einem Monster-Track wie "Mystica" intensiv auf die Finger schauen kann. Ähnliche Solofreiheiten erhält auch noch Drum-Irokese Mike Terrana, der bei einem fünfminütigen Drumsolo die Muskeln spielen und die Drumsticks tanzen lässt.
Zu den weiteren Höhepunkten der Show zählen die intensiven "The Masquerade Ball/Casbah" und "The Temple Of The King" und auch wenn die balladesken Momente manchem bei ARP zu fantasy-plüschig sein mögen (während sie für andere die Highlights aus dem Pell-Programm darstellen, wie die drei Ballads-Alben zeigen), alleine schon die Gesangsleistung kann hier stets fesseln und auch der Chef taucht im Mittelteil noch mal ordentlich in Blackmore-Sphären ein. Mit der Zugabe "Call Her Princess" ist dann nach 75 kurzweiligen Minuten Schluss, die die Band bestens genutzt hat, um die Lust auf weitere Showeindrücke zu schüren.
Dass die Bild- und Soundqualität auf DVD Nr. 2 dann nicht würde mithalten können, war beim Hinweis auf den Griff in das Privatarchiv von Meister Pell absehbar. So richtig übel wird es bei dem Sammelsurium an Liveausschnitten von Shows der letzten Jahre aber nie, auch wenn die Qualität der Aufnahme natürlich schwankend ist und der Zusatz "Bootleg-Niveau" mitunter zutrifft. Anderseits hat etwa die "feste" Aufnahme über ca. 45 Minuten vom Mischpult aus wie im schweizerischen Pratteln auch ihren bodenständigen Reiz; exakt so erlebt man nun mal ein Konzert, wenn man nicht gerade in der ersten Reihe steht. Der Ton ist auch in solchen Momenten noch okay, wenn auch schon mal recht hallig. Dennoch hängt die Spannung trotz der verschiedenen Locations zwischenzeitlich schon mal ziemlich durch, da man größtenteils die gleichen Songs wie vom ersten Teil präsentiert bekommt und diese sich dann zusätzlich noch mal wiederholen. Andererseits darf man diese mit Blick auf die Spieldauer ja durchaus als wohlwollenden Bonus verbuchen und einige Neuentdeckungen gibt es schließlich auch wie etwa "Carousel" mit seinem langem Instrumentalteil oder die in der Akustik-Version gespielten KISS-Cover "Love Gun" und "Ocean Of Time" aus der Zeche Bochum.
FAZIT: Als Fan wird man von diesem umfangreichen Live-Dokument kaum enttäuscht sein und als solcher darf man sich diese Doppel-DVD getrost fett als Kaufempfehlung notieren.
Erschienen auf www.musikreviews.de am 04.03.2008
Volker Krawczak
Johnny Gioeli
Axel Rudi Pell
Ferdy Doernberg
Mike Terrana
Steamhammer/SPV
218:00
22.02.2008