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Reviews

The Tangent: Down And Out In Paris And London

Stil: Recycelter Retro-Prog

Cover: The Tangent: Down And Out In Paris And London

TILLISON, der Perfektionist. TILLISON, der Mann hinter THE TANGENT, der immer alles richtig machen will. TILLISON, ein Grenzgänger zwischen Elektronik, Jazz und Retro-Prog. TILLISON, der „seine“ Band immer wieder neu formiert und personell verändert. TILLISON, ein Musiker der Extraklasse, auf dem so viele Hoffnung all der enttäuschten SPOCK’S BEARD Fans liegen, dass er irgendwie das fortsetzt, was mit NEAL MORSEs Weggang bei den Bärten abhanden gekommen war.

TILLISON, der Mann für alle progressiven (Not-)Fälle, der leider auf seinem Paris-London-Trip genau den Fehler begeht, den so viele Andere vor ihm bereits begingen: Er schafft ein Album, das sich in der TANGENT-Vergangenheit suhlt, dort vor sich herdümpelt, und wie eine Aufarbeitung alter Stücke, die in den vergangenen Jahren irgendwie liegengeblieben sind, klingt. Irgendwann musste das ja passieren – schade, dass es bereits jetzt soweit ist.

Bereits das Cover lässt nichts Gutes erahnen. Lichtflackereien im Dunkeln. Das ist nicht geheimnisvoll, sondern nur hässlich. Einfallsreich sieht anders aus. Noch einfallsloser ist der Titel des Albums. Einerseits denkt man, hier käme eine Live-Scheibe, die in Paris und London aufgenommen wurde, auf den Hörer zu und andererseits ist der Titel von einer Novelle des großen „1984“- und „Farm der Tiere“-Autors GEORGE ORWELL geklaut (Euphemistisch sagt man dazu „übernommen“!) worden.

Auf dieser lieblosen Promo-CD im Pappschuber – typisch InsideOut – fehlt außerdem der Bonustitel „Everyman’s Forgotten Monday“. Ja, ja – vergesst es ruhig, liebe IO-Freunde, dass wir Kritiker immer wieder mit solchem unvollständigen Krams abgefertigt werden. Das hier ist zumindest ein „Montags-Album“ von TANGENT! Egal, ob es nun im Pappschuber oder in einer extrem aufwendigen Verpackung daherkommt. Das liegt jedoch nur bedingt an der Umbesetzung von THE TANGENT, die sich statt Jaime Jalazar und Jonas Reingold als neue Mitstreiter PAUL BURGESS (10CC, CAMEL und JETHRO TULL) und JONATHAN BARRETT (PARALLEL OR 90 DEGREES) ins Boot geholt haben. Leider ist aber auch der fantastische Gitarrist und Sänger JAKKO M JAKSZYK der 21st CENTURY SCHIZOID BAND mit über Bord gegangen. Ein Frevel! Denn nun beschränken sich alle Gesangseinlagen ausschließlich auf Tillison, der schon immer ziemlich belanglos seine Stimme in dieser bisher so spannenden retroprogressiven Band erhob. Das wurde durch die Reichhaltigkeit der zusätzlichen Sänger der Prä-2009er-Alben immer locker ausgeglichen. Diesmal aber fehlt dieser Ausgleich schmerzhaft. Musikalisch dagegen bleibt alles beim Alten: Prog, Rock, Jazz, elektronische Einlagen und Canterbury-Ausflüge. Neues? Fehlanzeige! Das Album ist eher eine Rolle rückwärts in Richtung „The Music That Died Alone“ aus dem Jahre 2003. Tillison selber nennt das „eine bestimmte ‚Englishness’ – eine Affinität zu den Wurzeln des Prog Rocks“. Ich würde das eher „eine bestimmte Wiederholung bereits allseits bekannter Tangent-Elemente ohne Überraschungseffekt“ nennen.

So enthält zwar der Titel „Paroxetine – 20 mg“ ein paar tolle an „Money“ von PINK FLOYD erinnernde Saxophoneinlagen und es gibt wieder sehr angenehme Flötensätze oder mit „The Canterbury Sequence Volume 2. Ethanol Hat Nail“ deutliche VAN DER GRAAF GENERATOR Huldigungen. Doch bei einer bisher so außergewöhnlichen Band wie THE TANGENT reicht mir das einfach nicht. Symptomatisch für solche Wiederholungen ist dann auch der Text des mit 19 Minuten längsten Titels „Where Are They Now?“, in dem über bereits in anderen Alben aufgegriffene Charaktere gesungen wird, die sich so gesehen in diesem Titel vereinigen.

Dagegen erscheint der Text des musikalisch schwächsten Titels „Paroxetine – 20 mg“ am interessantesten. In ihm geht es um einen Medikamentenabhängigen, der seine Sucht aus der Innenperspektive beschreibt. Gerade hier stört der wenig beeindruckende Gesang, was auch nicht durch besagtes „Money“-Saxophon wiedergutzumachen ist.

Eigentlich hatte Tillison ja vor, sich nach gemeinsamen Konzertauftritten mit BEARDFISH mit besagter Band zusammenzutun und dieses hier vorliegende Album einzuspielen. Vielleicht wäre solch Experiment eine weisere Entscheidung gewesen. So bleibt „Down And Out In Paris And London“ aber weit hinter „Destined Solitaire“ von BEARDFISH zurück und die Hoffnungen der SPOCK’S-BEARD-Abtrünnigen werden sich wohl nunmehr doch stärker auf die schwedische Alternative beschränken müssen.

FAZIT: Nach dem großartigen Album „Not As Good As The Book“ schieben THE TANGENT einen ziemlichen Rohrkrepierer hinterher, der sicher alle Fans der Band, die gerne Altbewährtes ihrer Heroen leicht recycelt konsumieren wollen, begeistern wird. Wer auf neue Wege (vielleicht sogar mit BEARDFISH-Musikern) hoffte, wird bitter enttäuscht werden. Dies hier ist TANGENTs „Division Bell“!

PS: Übrigens habe ich nach dieser Kritik beschlossen, einen kleinen Kritiker-Appell an InsideOut zu richten. Eure lieblos verpackten CDs ohne Texte, Booklet, aber dafür fehlendem Bonustitel usw. stinken mir nämlich gehörig. Ich höre vor meiner Rezi die Scheibe achtmal an (ca. 8 Stunden), dann schreibe ich insgesamt noch mal drei bis vier Stunden an der Kritik, bevor ich sie ins Netz stelle. Als Gegenleistung wenigstens ein vollständiges Produkt zu bekommen, das man besprechen soll, müsste eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.

Erschienen auf www.musikreviews.de am 20.11.2009

Tracklist

  1. Where Are They Now?
  2. Paroxetine – 20 mg
  3. Perdu Dans Paris
  4. The Company Car
  5. The Canterbury Sequence Volume 2. Ethanol Hat Nail

Besetzung

  • Bass

    Jonathan Barrett

  • Gesang

    Andy Tillison

  • Gitarre

    Andy Tillison, Guy Manning

  • Keys

    Andy Tillison

  • Schlagzeug

    Paul Burgess

  • Sonstiges

    Theo Travis (Saxophon & Flöte)

Sonstiges

  • Label

    InsideOut

  • Spieldauer

    57:49

  • Erscheinungsdatum

    13.11.2009

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