In den USA füllt das TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA jedes Jahr riesige Arenen, die Nachfrage ist sogar so groß, dass gleichzeitig zwei komplette Besetzungen auf Tour sind (jeweils eine im Osten und Westen). In Europa dagegen kennt kaum jemand das Projekt von SAVATAGE-Produzent und -Mentor Paul O’Neill, oder noch schlimmer: Bei den Fans ist es als Weihnachtskitsch verschrien und als vermeintlicher Grund der Inaktivität von SAVATAGE sogar verhasst. Das könnte sich mit „Night Castle“ ändern. Co-Komponist Jon Oliva hat bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA die Weiterführung der bombastischen Musical-Variante der späten SAVATAGE ist (wogegen er selbst mit der eigenen Band etwas mehr in die Richung des früheren Stils tendiert). Nur entsprach das bisher aufgrund der hauptsächlich auf die Weihnachts-Saison ausgerichteten Alben nicht so recht der Realität und wurde durch die einzige Veröffentlichung ohne diesen Bezug („Beethoven’s Last Night“ aus dem Jahre 2000) lediglich angedeutet. Aber Jon Oliva hatte sicherlich bereits das seit vielen Jahren in Arbeit befindliche „Night Castle“ im Hinterkopf. Wie bei SAVATAGE komponierten er und Paul O’Neill den Großteil des Materials gemeinsam.
Nun ist „Night Castle“ also erhältlich, und der geneigte Fan kann selbst überprüfen, ob das Doppelalbum die Lücke schließen kann. Zunächst gilt es festzuhalten, dass inhaltlich tatsächlich keinerlei Bezug zu Weihnachten auszumachen ist (abgesehen vom Instrumental „Nutrocker“, welches auch nur als Bonustrack am Ende der zweiten CD enthalten ist). Stattdessen erinnert die Hintergrundgeschichte, die in einem üppigen Booklet ausführlich erzählt wird, an „Dead Winter Dead“ von SAVATAGE, stellenweise gibt es aber auch Bezüge zu „Streets“. Die Handlung läuft auf verschiedenen Ebenen ab, aber wie auf diesen beiden Alben wurde einerseits eine Art modernes Märchen kreiert, andererseits aber auch die knallharte Realität verarbeitet. So werden Themen wie Krieg und Völkermord oder die Geschichte der Menschheit angeschnitten, aber auch philosophische Fragen und persönliche Tragödien behandelt. Letztendlich läuft es, wie meist bei Paul O’Neill, auf die gleiche Grundidee hinaus: die Wandlung des Sünders durch das ultimativ Gute im Menschen und die Suche nach Erlösung. Das mag sich jetzt wieder recht kitschig anhören, wurde aber letztlich sehr bewegend und packend erzählt.
Was sich zunächst thematisch andeutet, bestätigt sich nach und nach auch musikalisch, die beiden SAVATAGE-Klassiker dürfen als grobe Richtlinien herhalten. Zwar beginnt das Album zunächst mit großem Chor und Klassikanleihen in „Night Enchanted“ und dem etwas trägen „Childhood Dreams“ noch recht verhalten, und auch das dezent an THE WHO erinnernde „Sparks“ wirkt ein wenig behäbig. Dann jedoch kommt der erste mehr als deutliche Querverweis: „The Mountain“ zitiert das auch von SAVATAGE bekannte Grieg-Thema „In der Halle des Bergkönigs“. Anschließend darf das erste Mal Jeff Scott Soto singen, und gerade seine Nummern könnte man sich auch wunderbar mit der Stimme von Zak Stevens vorstellen, denn die düsteren, rhythmusbetonten „Night Castle“ und „Another Way You Can Die“ hätten auch auf „Dead Winter Dead“ gepasst. Dazu fehlen lediglich manchmal die richtigen Gitarrenriffs. Zwar gibt es genügend Einsatz für die verzerrten E-Gitarren, es werden allerdings eher simple Akkorde verwendet. Dafür gibt es aber immer wieder klassisch geprägte Instrumentals zu hören, bei denen nicht nur furiose Soli, sondern vereinzelt sogar SAVATAGE-typische Riffs zum Einsatz kommen. „Mozart And Memories“ oder „Moonlight And Madness“ verweisen dabei natürlich auch wieder auf entsprechende Titel auf „Dead Winter Dead“.
Die eigentlichen Höhepunkte auf „Night Castle“ sind jedoch die getragenen Stücke mit viel Klaviereinsatz und Musical-Flair. Hier gibt es große, theatralische Refrains zu hören, die meist mit viel Gefühl und Dramatik vorgetragen werden, wie etwa bei „The Safest Way Into Tomorrow“. Und auch Jeff Scott Soto hat einige großartige Auftritte dieser Art: „Dreams We Conceive“ hätte auch auf „Streets“ stehen können, und „Time Floats On“ interpretiert er gleichzeitig verzweifelt und doch hoffnungsvoll. Vor allem aber die beiden epischen „There Was A Life“ und „Epiphany“, beide um die zehn Minuten lang und von Rob Evan gesungen, sind Drama-Musical pur, fesselnd und emotional vorgetragen. Gegen Ende des Albums gibt es auch noch weibliche Leadvocals zu hören, wobei Jennifer Cella in „Father, Son And Holy Ghost“ auf beeindruckende Weise Trauer, Schmerz und Wut hörbar macht.
Jeder Sänger übernimmt übrigens eine bestimmte Rolle in der Story, allerdings gibt es keine Duette, der jeweilige Charakter singt immer einen Song alleine. Auch die typischen Kanon-Gesänge und mehrstimmige Arrangements fehlen fast völlig. Bei der Auswahl der einzelnen Interpreten könnte man fast auch wieder von einer leichten Hinwendung zu SAVATAGE sprechen, denn neben den eher klassisch geschulten Musical-Stimmen nimmt Jeff Scott Soto einen ähnlichen Platz ein wie früher Zak Stevens, und der kratzige Gesang von Tim Hockenberry erinnert stellenweise ein klein wenig an Jon Oliva. Er darf auch ein Remake des Klassikers „Believe“ zum Besten geben, was zunächst gewöhnungsbedürftig klingt, aber letztendlich doch gelungen ist.
Entsprechend der Story klingt „Night Castle“ oft ein wenig düsterer, härter und gitarrenlastiger, als man es bisher von TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA gewohnt war. Trotzdem wirkt es im Vergleich zu SAVATAGE natürlich immer noch etwas mehr wie ein Musical, auch durch die verschiedenen Sänger, und sicherlich einen Tick kitschiger. Wer sich jedoch gerne auch ein SAVATAGE-Album anhören würde, das nur aus Songs wie „This Is The Time“, „This Isn’t What We Meant“, „Not What You See“ oder „Anymore“ besteht, ab und zu unterbrochen von einigen Klassik-Instrumentals im Stile von „Mozart And Madness“, der wird „Night Castle“ sicher einiges abgewinnen können. Vorausgesetzt man kann damit leben, dass die Gitarrenarbeit etwas reduzierter klingt, und die Musik dafür ein wenig mehr Musical-Touch aufweist.
FAZIT: „Night Castle“ ist das fehlende Bindeglied zwischen den bisherigen Veröffentlichungen von TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA (abzüglich der Weihnachtslieder) und einem Album wie „Dead Winter Dead“ von SAVATAGE. Doch auch unabhängig von der ehemaligen Hauptband der Beteiligten gilt: Wer dramatische Musicals und verzerrte Gitarren gleichermaßen schätzt, findet hier die überaus gelungene Kombination beider Welten.
Punkte: 11/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 06.11.2009
Chris Altenhoff, Johnny Lee Middleton
Jay Pierce, Tim Hockenberry, Jeff Scott Soto, Rob Evan, Jennifer Cella
Paul O’Neill, Al Pitrelli, Chris Caffery, Alex Skolnick, u.a.
Robert Kinkel, Jon Oliva, u.a.
John O.Reilly, Jeff Plate
Atlantic
121:30
27.10.2009