Geliebt und verhasst, angebetet und am Wegesrand liegengelassen. Die einen sehen in TRANSATLANTIC den Heilsbringer, das musikalische Genie, welches den Geist einer vergangenen Prog-Rock-Ära angemessen in die heutige Zeit transportiert, während Kritiker das Melodieselige verdammen und den Supergroup-Geruch nicht mögen, den diese Band verströmt. Ganz davon abgesehen waren die Hauptbands von Neal Morse (ex-SPOCK’S BEARD), Roine Stolt (THE FLOWER KINGS), Mike Portnoy (DREAM THEATER) und Pete Trewavas (MARILLION) auch nie frei von Kritik. Drollig mutet es an, dass Mr. Morse seinerzeit die Band aus den gleichen religiösen Gründen verließ, aus denen er SPOCK’S BEARD den Rücken zukehrte. Plötzlich ist der Allmächtige wieder positiv gestimmt – und wer weiß, vielleicht wird sich der Prog-Prediger in kurzer Zeit schon wieder seinen Bärten anschließen.
An Selbstvertrauen dürfte es Neal Morse jedenfalls nicht mangeln, bei seinen ehemaligen Bandkollegen wieder vorstellig zu werden, das beweisen seine Aussagen zum nun dritten TRANSATLANTIC-Album „The Whirlwind“. Von einem „strahlenden Stück Brillanz“ spricht der gute Herr und zieht gleich noch Vergleiche zu Tolstoi („Dies ist das ‚Krieg und Frieden‘ des Progs“). Ob dieses Marketing-Gewäschs rümpft der selbst denkende Mensch erst mal das Näschen und legt dann frei von Vorurteilen die CD in Player ein.
TRANSATLANTIC klingen Anno 2009 noch genauso, wie vor gut acht Jahren, als das Debüt „SMPTe“ das Licht der Welt erblickte. Soundtechnisch aufgebrezelter Melodie-Prog tönt frisch und warm aus den Boxen, die Instrumentalpassagen ufern gnadenlos aus und sollten beinahe schon für Strophe/Refrain-Fans genug Eingängigkeit bieten. Neal Morse und Roine Stolt teilen sich ein weiteres Mal den Gesang – mehr oder weniger neu sind einige bluesige, beinahe jazzige Passagen, die aber nicht so anstrengend abstrakt klingen wie das, was die FLOWER KINGS vor einigen Jahren in dieser Richtung produziert haben. Technisch hochklassig klingt die Musik, aber nicht mathematisch. Das gute „Vintage-Feeling“ trieft nahezu aus den Boxen, egal, ob die Hammonds dröhnen oder die Gitarren solieren. Ach übrigens, „The Whirlwind“ besteht aus bloß einem einzigen, beinahe 78 Minuten langen Song, der aus praktischen Gründen in zwölf Einzeltracks unterteilt wurde. Eigentlich ist das auch wurscht, denn beim Hören entsteht nicht der Eindruck, einem geschlossenen Werk zu lauschen, auch wenn Melodien leitmotivisch wieder aufgegriffen werden.
Der Fan bekommt, was er will. Oder doch nicht? Ist man als Hörer abgestumpft, oder gibt es da etwas, das man nicht benennen kann, was man als „Geist“ bezeichnet, als „Vibes“, die unterschwellig strömen? Die zeitlosen „SMPTe“-Melodien, die sich auch über einen Zeitraum von acht Jahren nicht ein Quäntchen abgenutzt haben, die sind auf „The Whirlwind“ rar gesät. Klar wird man sagen, dass mal wieder auf hohem Niveau gemeckert wird, doch hinterlassen TRANSATLANTIC eine leichte Ernüchterung, obwohl keine Erwartung im Speziellen enttäuscht wurde. Aber vielleicht liegt genau hier das Problem? Selbst das leckerste Gericht verliert an Geschmack, wenn es zu oft serviert wurde.
FAZIT: TRANSATLANTIC bleiben sich treu und liefern routiniert perfekten Retro-Prog in modernem Soundgewand ab. Und trotzdem strahlt „The Whirlwind“ nicht als Über-Album am Progressive-Firmament. Nichtsdestotrotz kommen Fans der vorherigen Alben nicht an dieser Veröffentlichung vorbei.
Punkte: 10/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 23.10.2009
Pete Trewavas
Neal Morse, Roine Stolt, Mike Portnoy
Roine Stolt, Neal Morse
Neal Morse
Mike Portnoy
InsideOut
77:54
23.10.2009