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Avenged Sevenfold: Nightmare

Stil: Modern Heavy Metal

Cover: Avenged Sevenfold: Nightmare

Ein Albtraum war es für das kalifornische Gespann, als ihr Schlagzeuger Jimmy „The Rev“ Sullivan aufgrund eines tödlichen Cocktails aus Alkohol und verschreibungspflichtigen Medikamenten das Reich der Lebenden verließ. Paralysiert von diesem Schock, schien es anfangs unwahrscheinlich, ohne ihn weiterzumachen, doch das wäre wohl kaum im Sinn des Verstorbenen gewesen – also traten sich die verbliebenen Bandmitglieder selbst in den Hintern und führten das, was gemeinsam mit ihm entstand, fort.

Der stark emotionale Charakter auf diesem Album kommt demnach nicht von ungefähr, denn viel von dieser Tragödie verarbeiten Gates, Vengeance, Shadows und Christ auf diesem über einstündigen Werk. „Fiction“ beispielsweise, ein Song, der noch von Sullivan geschrieben wurde, ist das wohl persönlichste Stück auf „Nightmare“ und wurde von ihm noch vor seinem Tod komplett fertiggestellt – mit dem ursprünglichen Wunsch, den Song „Death“ zu nennen. Da läuft es einem durchaus kalt den Rücken runter. Obendrein ist es ganz schön gespenstisch, in diesem Stück auch Sullivans Stimme zu vernehmen.

Hm, schwierig, nun die Kurve zum musikalischen Inhalt zu kriegen, doch hierüber möchten unsere Leser sicherlich auch etwas erfahren. Nun, das Ignorieren der Grenzen haben die Jungs beibehalten, und hierbei spielen A7X liebevoll mit den Klischees des Heavy Metal und des Hard Rock, gelegentlich auch mal mit denen des extremen Metal oder des Metalcore – doch nie erdreisten sich die siebenfach Gerächten, diese Genres zu karikieren. Da werden IRON MAIDEN-Leads aus den Hüten gezaubert, die die eisernen Jungfrauen schon seit Äonen nicht mehr in solch konzentrierter Quantität und Qualität auf die Reihe bekommen haben.

Melodische METALLICA und noch melodischere PANTERA werden ebenso angehimmelt, und es würde mich sehr wundern, wenn in den Regalen der Musiker keine Scheiben von Teutonen-Metallern á la GAMMA RAY oder HELLOWEEN stünden. Selbst an „DRAGONFORCE light“ mag man manchmal denken, und dann kommen die Buben immer wieder mit herzerweichenden Kniefällen vor GUNS N' ROSES respektive SLASH um die Ecke. Während das Gros der elf Songs von anspruchsvollem und abwechslungsreichem Metal in diversen klassischen Schattierungen geprägt ist, lockern wie gehabt Alternative-Anflüge („So Far Away“), neometallische Grooves („Welcome To The Family“), Core-Attacken („God Hates Us“), Geschrote („Natural Born Killer“) sowie zahlreiche progressive Eskapaden (ganz besonders „Save Me“!) das Geschehen gekonnt auf. Zu cool ist auch, wie kackfrech die Truppe einmal mehr traditionelle und extrem moderne Kost direkt aufeinander folgen lässt. Verspürt man im einen Moment noch den Drang, seine Sprunggelenke einem Belastbarkeitstest zu unterziehen, so erwischt man sich im darauf folgenden Part dabei, schnell die Kutte mit dem MAIDEN-Backpatch aus dem Schrank zu holen.

Herrlich treiben kann man auch dieses Mal wieder in den Wogen wunderschöner Intros, Leads und Gitarrenlicks, bei denen man sich prompt luftgitarreschwingend und zu enge Hosen und Shirt tragend vor den Spiegel stellen möchte und alles geben will, um zum Posergott auserkoren zu werden – wie zum Beispiel am Anfang von „Danger Line“. Aber selbst wenn es stellenweise noch so cheesy tönen mag, ist es einfach zu schön. Ob das daran liegen mag, dass AVENGED SEVENFOLD einfach eine innige Liebe zu „ihrer“ Musik hegen? Klar, das ist äußerst spekulativ, aber ich werde es ihnen zu hundert Prozent abnehmen, wenn sie es so aussprechen.

Man könnte vielleicht kritisieren, dass manche Songs zu lang sind und Shadows' Stimme arg gewöhnungsbedürftig ist. Könnte man. Aber auch wenn die Songs teilweise die Zehn-Minuten-Grenze überschreiten, bieten die Kompositionen noch immer mehr songwriterische Klasse und aufregendere Ideen als die so mancher Megaseller. Und eine Stimme bedarf doch immer etwas Gewöhnung, und entweder man mag sie oder man mag sie nicht. Shadows trifft die Töne, hat eine Menge Klangfarben parat, hat Power auf der Lunge und hat Wiedererkennungswert, ergo kann der Mann was. Messiah Marcolin singt ja beispielsweise auch wie ein junger Gott, und trotzdem suche ich bei dessen Stimme den nächsten herrenlosen Eimer – you know what I mean?

FAZIT: Dieses fünfte Studioalbum, auf welchem übrigens kein Geringerer als DREAM THEATERs Mike Portnoy – Sullivans größtes Schlagzeugidol – an den Drums eingesprungen ist, entspricht selbstverständlich wie auch die Vorgängeralben nicht dem metallischen Reinheitsgebot, aber so wie „Nightmare“ kann sie klingen, die würdige Verneigung vor dem Schwermetall der Spätsiebziger, Achtziger und Neunziger. Die Musikszene entwickelt sich weiter, und A7X tragen ihren größtmöglichen Teil dazu bei. Ich als Hörer habe daran meinen Spaß. Mehr Spaß als bei so manch lebenden Legenden, die einen mit einem langweilig-vorhersehbaren Mix aus „alte Fans abspeisen“ und „wir versuchen krampfhaft Neues“ schon fast zum Ausschalten nötigen.

Punkte: 12/15

Erschienen auf www.musikreviews.de am 24.08.2010

Tracklist

  1. Nightmare
  2. Welcome To The Family
  3. Danger Line
  4. Buried Alive
  5. Natural Born Killer
  6. So Far Away
  7. God Hates Us
  8. Victim
  9. Tonight The World Dies
  10. Fiction
  11. Save Me

Besetzung

  • Bass

    Johnny Christ

  • Gesang

    M. Shadows

  • Gitarre

    Synyster Gates, Zacky Vengeance

  • Keys

    M. Shadows, Synyster Gates

  • Schlagzeug

    Mike Portnoy

Sonstiges

  • Label

    Roadrunner Records

  • Spieldauer

    66:49

  • Erscheinungsdatum

    27.08.2010

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