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Gruenewald: II

Stil: Post Rock

Cover: Gruenewald: II

Dreimal über zehn Minuten und zuletzt knapp acht: GRUENEWALD spielen keinesfalls epischen Artrock, sondern Entschleuningungsmusik, bei welcher Stille ebenso zum guten Ton gehört wie die aufmuckenden Instrumente dazwischen.

"Geist": "Schreiendes Land der Jugend und Ewigkeit, Erinnerungen eines anderen Bewusstseins ...", dazu ein Dröhnen und cleane Arpeggien. Es folgt textloses Rauschen mit sachte angeschlagenen Akkorden. Spannung baut sich mittels eines düsteren Brummens auf, zu dem sich vereinzelte Trommelschläge gesellen, ehe der Track im konventionellen Schritttempo als Postrocker endet; Gesang vernimmt man bis dorthin nicht mehr. Dann "Zwei Namen": Geisterhaft klingt Christian Kolfs Stimme hier und spricht erneut von Vergangenem, einer Erinnerung, der er ambivalent gegenüberzustehen scheint, wie die verhaltene Stimmung des wiederum reduzierten Klangkonstrukts dem Hörer vermittelt. Ein Neuansatz erfolgt nach rezitiertem Text; üblicherweise handelt es sich um von cleanem Gitarrenminimalismus getriebene Sounds, die man der Dekonstruktion des Rock-Genres zuweisen könnte. "Ich werde dich nie vergessen", verkündet GRUENEWALDS Kopf, ehe es verträumt zu instrumentalem Leisetreten mit Becken weitergeht. Die Drums erwachen allmählich zum Leben. Immer wieder hebt Kolf neu an, als bringe er gerne mehrere Songs in einem unter, wobei die Elemente derselben äußerst übersichtlich ausfallen. "Du warst der König deiner Welt", repetiert er und bleibt am Ende immer noch eine Erklärung schuldig; rein assoziativ stellt er seine Musik dem Hörer dar, denn der muss sich selbst konkrete Bilder dazu zurechtlegen.

Der erste englischsprachige Titel beginnt erstaunlich leb- und weniger materialhaft - konkrete Rhythmen und Tonfolgen besitzt GRUENEWALD zwar durchweg, doch den "Funeral Winds" (wer wegen des Titels an Black-Metal-Koketterie denkt, irrt) verhilft der Protagonist entgegen der langen Dauer zu unverhoffter Kompaktheit. Es steuert nämlich nach der Hälfte durch einen klaren Bruch - Ambientflächen und die einzigen Textfetzen im Erzählmodus - ein kontrastierendes Stimmungspanorama an. Derart entspannt darf sich "Tails" als wahrer Schwanz an das Liedertrio heften. Es bleibt dem etablierten Klangbild verhaftet und enthält die gewöhnlichem Melodiegesang am nächsten kommenden Lautäußerungen der Scheibe. Neben den sporadisch angeschlagenen Klampfen sorgt Atmosphärenkleister aus dem Tastenkasten für den notwendigen Kitt - ein Gegenmittel zum dräuenden Einbruch der Stille. Eingängig ist dieses Album nicht; eindringlich jedoch schon für jeden, der zuhören kann.

FAZIT: Als märchenhaft beschreiben Zeitgeister GRUENEWALD und liegen goldrichtig. "II" ist ein persönliches Album, an dem teilhaben kann, wer möchte und fähig ist, doch dem Macher schein es in erster Linie um Selbstverwirklichung abseits breitflächiger Affirmation zu gehen. Herausgekommen ist ein gleichfalls dem Ambient wie Post Rock verhaftetes Werk, das auch den Neuprogger und Freund verschrobener Ein-Mann-Projekte aus den frühen Neunzigern anspricht, obgleich letztere weitaus weniger souverän und oft unfreiwillig komisch im Gegensatz zu Monsieur Kolf zu Werke gegangen sind.

Punkte: 9/15

Erschienen auf www.musikreviews.de am 04.05.2010

Tracklist

  1. Geist
  2. Zwei Namen
  3. Funeral Winds
  4. Tails

Besetzung

  • Gesang

    Jan Buckard, Christian Kolf

  • Gitarre

    Oliver Weiskopf

  • Schlagzeug

    Claus Schulte

  • Sonstiges

    Christian Kolf (all other instruments)

Sonstiges

  • Label

    Zeitgeister

  • Spieldauer

    43:45

  • Erscheinungsdatum

    21.12.2009

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