Melodramatic Death Rock nennen diese Südländer ihre Musik, eine Mischung aus eigentlich allem annähernd mit Gitarren in Verbindung Bringbarem und sich gleichzeitig jugendlich Gebendem. Dazu gibt es Indie-kompatiblen Gesang, ein Schreiklarheiserlieblich der nicht außerordentlichen, aber zweckmäßigen Art. Im Vergleich zum schillernden Gebahren, das die Band an den Tag legt, klingt ihr Album indes geradezu herkömmlich, wenn auch nicht vorhersehbar. Dies verspricht wenigstens eine längere Beschäftigung mit den Songs, doch ob's auch lonht?
Die ersten Lieder von THE SUNWASHED AVENUES klingen geradezu sperrig, obwohl inmitten allgegenwärtiger Post-Punk- und Classic-Rock- Verweise (zur Orientierung FUGAZI bis LED ZEPPELIN vielleicht?) wenig Glanz erzeugt wird. Würde man nicht bewusst etwas hineinlesen wollen, blieben "Gran Torino" oder "1979" schale Dutzendware, die sich kaum von anderem unterscheidet, was zu späterer Stunde fürs ruppigere Gesindel auf einer Visions-Party vom DJ-Pult ins Rund gehauen wird. Erst das Titelstück ist so kompakt und eingängig, dass die gleichen Kreise es zum Signatursong der Gruppe wählen dürfen. "Their Faces" verbleibt fast sieben Minuten gänzlich instrumental und trotzdem minimalistisch in seiner Motivik, geradezu repetitiv. Spannung erzeugen THE SUNWASHED AVENUES genau durch diesen Kniff, wo sie selbige anderweitig über zugegebenermaßen nicht eben originelle Dynamikwechsel erwirken. Das gesangsfreie Stück löst sich leider bloß lauer auf, als man es ob des gediegenen Aufbaus erwartet.
Ungleich besser steht den Musikern der verträumte Kontrast "Ides of March"; womöglich sollte man seine Kreativität dergestalt bündeln, dass mehr homogene Tracks dieser Art herausspringen, denn das Lamento des Folgestücks, welches sich mit Screamo-Pathos mischt, wirkt erneut stark aufgesetzt. Authentisch hingegen ist der hörbare Hardcore-Einfluss auf THE SUNWASHED AVENUES; er manifestiert sich vor allem in erwähntem "Gran Torino" offenkundig, wohingegen eine Liebe zum Prog im laut-leise-epischen "Burning Rome" (keine Heimatfreunde, die Herren?) sowie dem über zehn Minuten langen Finale und gleichzeitig ideenreichen Höhepunkt der Scheibe ausdrücklich in den Bereich des Vorstellbaren rückt.
FAZIT: "Cult of the Black Sun" ist ein an Gassenhauern armes Album, bei dem man es auch während einer längeren Beschäftigung schwer hat, hinter das Bandkonzept zu steigen, welches im Idealfall vordergründig in der Musik zum Ausdruck kommen sollte. THE SUNWASHED AVENUES deuten jedoch viel mehr an, als sie letztendlich auch einlösen und in Gänze ausspielen. Was tun also mit progressiven Rock-Trümpfen ohne Klassenzimmermief, wenn man sie nur hinter vorgehaltener Hand betrachtet, weil der eigene Seelenadel - man könnte ja Gefahr laufen, sich den Massen anzudienen - einfach zu stark ist? Das hier klingt zumindest vorläufig weder so richtig neu oder innovativ wie AT THE DRIVE IN, noch nach deren ungleich sauberer Blaupause BILLY TALENT. Ratlosigkeit beim Rezensenten ... ein Qualitätsmerkmal?
Erschienen auf www.musikreviews.de am 17.12.2010
Al Fombra
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Dirty & Weird
45:42
29.10.2010