In den Werbetexten der Labels werden ja oft Vergleiche an den Haaren herbeigezogen, aber manchmal gibt es dann doch zumindest im Ansatz zutreffende Aussagen: Vergessen wir mal, was da sonst noch behauptet wird, aber ARVEN haben tatsächlich einige Elemente von BLIND GUARDIAN in ihrem Sound (hauptsächlich die Gitarrenriffs, aber auch eine dezente Mittelalter-/Rollenspiel-/Folk-Schlagseite) und vermischen das mit einer Prise EPICA (Gesang und Melodien). Wobei das Endergebnis dann wiederum recht eigenständig und nicht wirklich nach einer dieser Bands klingt, da man weder Türme aus mehrstimmigen Gitarrenleads baut, noch ein ganzes Orchester simuliert. Oder anders gesagt: So könnte in etwa eine Zusammenarbeit von André Olbrich und Simone Simons im frühen Demo-Stadium klingen. Und das ist durchaus positiv gemeint, denn eine gewisse Urwüchsigkeit macht einen nicht unerheblichen Teil des Charmes dieses Debüts aus. Auch wenn manche Passage vielleicht etwas holprig klingt oder von zusätzlichen Arrangements profitieren könnte, hier wird eben noch nicht alles glattgebügelt und zugekleistert. Stattdessen klingen ARVEN wirklich noch wie eine Band, die gerne ihre Songs gemeinsam im Proberaum zockt und live spielt und diese dann genau in dieser Form auch aufnimmt. Hauptsächlich gibt es also wirklich nur die Band selbst zu hören, zuzüglich einiger Chorpassagen und einzelner Gastbeiträge an Geige, Cello und Flöte.
Nicht nur musikalisch hebt man sich von der üblichen "Female-Fronted"-Schiene ab, die Band aus Frankfurt ist bis auf den Drummer gleich komplett weiblich besetzt (wie unschwer am Cover zu erkennen). Viel wichtiger ist jedoch, dass Sängerin Carina Hanselmann zwar durchaus über eine liebliche, klassisch gebildete Stimme verfügt, diese aber über weite Strecken auf eine ganz bezaubernde Art und Weise einsetzt. Besonders, wenn sie nicht in höchste Höhen abdriftet (was ohnehin nur selten passiert), klingt ihr Gesang im Gegensatz zu vielen Konkurrentinnen sehr natürlich, warm und emotional. Man kann förmlich ihre Augen leuchten, sie lächeln, weinen oder grimmig dreinschauen sehen, wie es sonst nur herausragenden Musical-Darstellern oder Ausnahmetalenten wie Kari Rueslåtten oder Sandra Schleret gelingt. Ein besonderes Highlight stellt diesbezüglich die herzergreifende Klavierballade "My Dear Friend" dar. Aber auch scheinbar weniger persönliche Fantasy-Themen in Tracks wie "Midwinter Nights" werden unglaublich packend und ausdrucksstark dargeboten.
Das Songwriting ist allerdings nicht immer ganz zwingend ausgefallen, stellenweise würde man sich ein wenig mehr Abwechslung bei der Gitarrenarbeit oder die eine oder andere herausragende Hookline wünschen. Die Holzhammer-Methode mit Schunkelmelodien und etwas zu viel fröhlichem Folk ("Raise Your Cups") mag live funktionieren, aber auf CD wissen die anderen, zunächst etwas unscheinbaren Tracks auf lange Sicht besser zu gefallen und schleichen sich nach und nach dann doch ins Gedächtnis. Ein Vorteil der etwas weniger offensichtlichen Refrains: "Music Of Light" nutzt sich nach zahlreichen Durchgängen kaum ab. Dafür sorgt auch das häufig eingesetzte, dynamische Wechselspiel zwischen harten Metalriffs und vielen ruhigen Passagen mit Akustikgitarren und Klavier.
FAZIT: ARVEN lassen mit ihrem Debütalbum aufhorchen, nicht zuletzt, weil die Band sich ein wenig abseits der ausgetretenen "Female-Fronted"-Pfade bewegt und in erster Linie auf melodischen Metal mit Live-Atmosphäre setzt. Bei den Kompositionen und Arrangements gibt es zwar stellenweise noch Verbesserungsmöglichkeiten, dafür kann die Band Bonuspunkte für den gefühlvollen und ausdrucksstarken Gesang sammeln. Einstand gelungen!
Punkte: 11/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 23.09.2011
Lisa Marie Geiß
Carina Hanselmann
Anastasia Schmidt, Ines Thomé
Lena Yatsula
Till Felden
Massacre Records
51:41
30.09.2011