Wie bitte, "Unmodern"? Das Ding klingt frischer, als sich der gleichaltrige Rezensent bisweilen fühlt. DER MODERNE MAN haben diesen Teller 1981 ersonnen und ein Jahr später beim Kultlabel No Fun veröffentlicht: Kraut und Kauz lauten die Stichworte …
Das passenderweise beschwörende "Anakonda" eröffnet das Stilpotpourri dräuend zeitlos, ehe "Blaue Matrosen" vor allem wegen des Synthesizers eindeutig auf die frühen Achtziger zurückzuführen ist. Allerdings: Verdammt druckvoller und knätschfreier Sound, zumal die Gruppe statt ungenießbarer Skurillitäten lieber gutes Songwriting sprechen lässt. Dieser Shanty in Schräglage jedenfalls geht im Nu ins Ohr, interessante Gitarrenarbeit obendrein. "Nur Die" dient sich dem damals vor allem durch POLICE oder auch diverse britische Postpunker salonfähig gemachtem Reggae an. Textlich befasst man sich - wie prophetisch - mit Multikulti, ehe "Nicht warten" wieder herkömmlichen NDW-Sounds entspricht. Herrlich verspukt tönen hier die Klampfen; an EKT ist ein echtes Talent verlorengegangen, oder erinnert sich noch wer an den Rockpalast-Auftritt der Gruppe, ja den Namen DER MODERNE MAN überhaupt?
Textlich ist ihnen Dadaismus bisweilen nicht abzusprechen (das taumelnde Titelstück), und auch der Slapbass von "Gurus und Geheimagenten" gemahnt allzu deutlich an den Zeitgeist zwischen Mark King und Hellmut Hattler. Das von Bläsern befeuerte "Bis ans Ende der Welt" ist ein rotziger Hit, "Das Tier" ein stimmungsvolles beinahe-Instrumental mit angezogener Spannungsschraube. Die latente Düsternis, die allem innewohnt ("Roter Mond") ist in solcher Form heutzutage kaum noch evozierbar, zumindest auf diese Weise. Das zuvor unveröffentlichte "Tanz dich frei" stellt neben einem guten Remake des Openers die Bonussektion dar; die "Sandman/Baggersee"-Single, das "TooCoop"-Demo von 1980 sowie Die "Welt"-Single mit alternativen Versionen der "Hits" machen die "Plus"-Fassung der Platte eingedenk eines ausführlich betexteten und bebilderten Büchleins zu einem unerlässlichen Kauf für Spürhunde und Nostagiker gleichermaßen, wobei der Klang zwangsläufig variiert, jedoch niemals abschmiert.
FAZIT: Geschichtsstunde einmal mehr von Sireena, umso leichter, weil auf Deutsch und musikalisch bestechend - abwechslungsreich und gar nicht schwierig eruierbar. Diese Form Neue Deutsche Welle, so man DER MODERNE MAN dort zuordnen darf, lässt man sich gefallen; sie wird dem Terminus auch heute noch gerecht. Prädikat: Der Zeit getrotzt.
Erschienen auf www.musikreviews.de am 21.05.2011
Thomas Brandt, Martin Simons, Jens Gallmeyer
Eckart Kurtz
Michael Jarick, Eckart Kurtz
Claudius Hempelmann, Fe Wolter
Sireena / Broken Silence
76:23
27.05.2011