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Lange Jahre war es mit DREAM-THEATER-Alben so: Der Inhalt war feinste, zart schmelzende Vollmilch-Schokolade, stets mindestens so kunstvoll eingepackt wie auch der Inhalt gestaltet war. Teilweise grenzte die Hülle verblüffender Origami-Falttechnik – und am Ende funktionierte alles in Perfektion. Irgendwann hatten die Chocolatiers aber die Nase voll vom ewigen Vollmilchgeschmack. Und so probierten sie allerhand Neues aus: Die Süße von Karamell, den Biss von Haselnüssen, die Frische von Joghurt oder auch die Schärfe von Chili. Die meisten dieser Kreationen mundeten, wenngleich der eine oder andere Anhänger sich nach den Vollmilchzeiten zurück sehnte. Als sich dann einer der Chocolatiers, nämlich der, der immer so viel redete und mit ausgefallenen Frisuren und Bärten auffiel, aber daran machte, die kunstvolle Verarbeitung immer mehr zu verändern, war es mit der Geduld der Fans vorbei. Stacheldraht, Reißzwecken oder Glassplitter wollten nur die wenigsten in DREAM-THEATER-Schokoladen-Verpackungen finden.
Und so waren so manche treue Fanseelen gar nicht so traurig darüber, als das bärtige Männchen mit dem Hang zur Selbstdarstellung namens Mike Portnoy eines Tages seinen Ausstieg bekannt gab. Sicher, die Skepsis war greifbar: wie würde die Prog-Institution ohne ihr Aushängeschild an den Drums klingen?
Nach etlichen Durchgängen von "A Dramatic Turn Of Events" kann man konstatieren: Jegliche Skepsis im Vorfeld war unnötig. Album Nummer zwölf stellt eine rundum überzeugende Rückkehr zum Vollmilch-trifft-Origami-Sound dar. Jener Sound, der den begnadeten Musikern vor knapp 20 Jahren mit "Images And Words" den weltweiten Durchbruch brachte.
Auf "A Dramatic Turn Of Events" finden sich alle Zutaten, die ein anständiges Album des Traumtheaters braucht: knallharte Riffs, vertrackte Rhythmuspassagen, elegische Keyboard-Orgien, eine ordentliche Portion Kitsch und jede Menge Göttermelodien. Oder, anders gesagt: Diese Gratwanderung zwischen anspruchsvollster Musik und Eingängigkeit, die auch 2011 niemand besser hinbekommt als DREAM THEATER. Die deplatziert wirkenden modernen Thrash- und Knüppelpassagen gehören der Vergangenheit an, die ganze Band wirkt trotz der komplexen Arrangements so locker, so entspannt, als sei mit dem Weggang von Mike Portnoy, der durch Mike Mangini äußerst kompetent ersetzt wurde, eine Pistole im Rücken der Band verschwunden.
Das gilt insbesondere für Sänger James LaBrie, der gelöst klingt wie nie, der nicht gezwungen wird zu brüllen, sondern sich stattdessen mit stets passendem Klargesang zu seiner besten Gedangsleistung seit ewigen Zeiten aufschwingt. LaBrie ist zweifellos das Bandmitglied, das am meisten vom Ausstieg Portnoys profitiert.
Was der vom Ex-Drummer stets ein wenig gegängelte Sänger alleine auf den beiden Longtracks "Bridges In The Sky" und "Outcry" an Gänsehautmomenten raushaut, stopft all denen das Maul, die den Lockenkopf für das mit Abstand schwächste Glied der DT-Kette halten. Doch man hört: Wenn niemand das Messer an LaBries Kehle hält, agiert dieser fast auf Augenhöhe mit seinen begnadeten Mitmusikern. Der nahezu einzige Kritikpunkt an "A Dramatic Turn Of Events": Drei Balladen sind ein bisschen zu viel des Sanften. Doch darüber kann hinweg gesehen werden, da alle vier Songs, die die Zehn-Minuten-Grenze knacken, absolute Highlights darstellen - ja, auch im Bandkontext. Und auch "kürzere" Songs wie der "Images And Words"-Gedächtnis-Opener "On The Back Of Angels" oder das zwischen modernen Tönen und Ultraeingängigkeit pendelnde "Build Me Up, Break Me Down" stehen dem in kaum etwas nach.
FAZIT: Danke, Mike Portnoy, für alles, was Du den Fans durch DREAM THEATER gegeben hast. Aber im Vergleich zu den letzten Alben zeigt "A Dramatic Turn Of Events", dass Deine Band, Dein Baby, Dein musikalisches Leben, besser ohne Dich klarkommt. Hmmmm, Vollmilch...
Erschienen auf www.musikreviews.de am 12.09.2011
John Myung
James LaBrie
John Petrucci
Jordan Rudess
Mike Mangini
Roadrunner / Warner
77:01
09.09.2011