Im Sinne ihres Erfinders agieren Smileys längst nicht mehr. Recht so! Was will man auch in der Kunst mit unschuldigen, reinen Geschöpfen anfangen, die nichts als aufrichtigen Frohsinn im Kopf haben? Inzwischen besaufen sie sich im Namen von NIRVANA, werden für die "Watchmen" mit Blut besudelt, ja selbst BON JOVI lässt sie frech von seinen Covern zwinkern. Kein mechanisches Wacka-Wacka-Punktefressen mehr – Mr. Pacman muss sich jetzt mit seinem Status als Ikone der Postmoderne abfinden.
Genau das bleibt der allerletzte Strohhalm, an den man sich klammern kann, wenn man DREDG mal gut fand und nun auf "Chuckles & Mr. Squeezy" stößt. Das muss doch ein Irrtum sein, ein schlechter Scherz, ein doppelbödiges Spiel mit den Fans und der Musikindustrie, ein ironisches Medley, bevor die Erschaffer des Meisterwerkes "El Cielo" in Kürze mit einem neuerlichen Geniestreich alle überrumpeln…? Dieser blöde Titel, dieses blöde Cover – kommt schon, Leute, das ist doch ein Witz, oder?
Der fertigen Platte nach zu urteilen, ein Ersteindruck: kein Witz, nein. Ach ja, der Grund für die verspätete Rezension? Ich habe einige Tage lang im katatonischen Zustand vor meinem Rechner gesessen, während "Chuckles" in Dauerrotation lief, mein Gesicht ein neuerliches postmodernes Smiley, eines des Entsetzens nämlich. DREDG stehen für das Ausheben von Tümpeln und die Erkundung neuer Gebiete, nur diesmal wurde unter Mithilfe der Hebamme Dan The Automator wohl zu tief in der Nase gebohrt und der Temporallappen zum Vorschein gebracht, denn obwohl schon "Catch Without Arms" und "The Pariah, The Parrot, The Delusion" offensichtliche Pop-Bekenntnisse aufwiesen: Der Hip Pop von "Chuckles" ist nicht nur beispiellos, er hat praktisch jeden Bezug zu den Vorgängerplatten gekappt.
Die Künstlichkeit der Loops und Beats aus dem Rechenkasten macht aus der fünften DREDG ein synthetisches, gleichwohl erstaunlich schnell vorübergehendes Leiden, das jeder progressiven Rockband, die über Hip-Hop-Einflüsse nachdenkt, Angst und Bange machen sollte. Unterstützt wird der Gleichklang durch Gavin Hayes' arg dünn gewordene und in den Hintergrund gerückte Stimme, konterkariert wird er mit allerhand exotischen Instrumenten (auf "The Ornament" ertönt eine jazzige Trompete) und Einflüssen, die dem Popgemisch den Titel "Art" sichern.
Genau zwei Songs erinnern an die alten Dredg: "Upon Returning" mit einer der letzten Gitarrenhooks und "The Thought Of Losing You" mit seinem typischen Refrain; wenngleich die "El Cielo"-Zeiten, ganz zu schweigen von den "Leitmotif"-Zeiten, auf ewig unter den Sanddünen verborgen sind und eher das letzte Album zitiert wird. Beim Rest blitzt allenfalls immer mal wieder etwas Dredgiges durch wie die kleine Regan aus dem besessenen Kind in "Der Exorzist", wird ansonsten aber von der dünnen Leere des Albums hinfort getragen. Das an Evangelisten-Gemeinschaftszirkel erinnernde Akustikgitarrenstück "Kalathat" und das gar mit Schlagerelementen kokettierende "Where I'll End Up" blasen den Erschrockenheits-Smiley zur Karikatur auf. Die Rumba-Rhythmik des Closers "Before It Began" mag ihn bei Ungeduldigen dann platzen lassen.
So macht sich "Chuckles" beständig ans Werk, das schlechteste Album 2011 einer eigentlich sehr guten Band zu werden, doch gerade die aus allen Poren triefende Entsetzlichkeit gereicht dem Album irgendwie doch noch zum Vorteil: Fühlt man sich bei der Kitschigkeit von "Where I'll End Up" nicht zumindest ein wenig an James Hurleys Doppelbodenromantikperformance "Just You And I" aus David Lynchs "Twin Peaks" erinnert? Ist hinter der offensichtlichen Lächerlichkeit des gezogenen Zahnfleischblutergrinsens von Mr. Squeezy nicht doch ein geistreicher Kommentar zum gesellschaftlichen Zwang zur Fröhlichkeit verborgen?
FAZIT: Es ist "Chuckles & Mr. Squeezy" zuzutrauen, mit der Zeit zu einem echten Kultalbum zu werden. DREDG haben nicht bloß einen Kurswechsel vollzogen, sie haben die hinteren Waggons abgekoppelt und die Schienen des guten Geschmacks aufgrund der neu gefundenen Leichtigkeit scheinbar unwiderruflich verlassen. Musikalisch artet das in einem Desaster allererster Güte aus, voller Computersynthetik, Joghurt-Ästhetik und Geschmacksverirrungen. Jedoch evozieren DREDG ein ganz besonderes Trash-Feeling, das bei derart seriöser Musik selten ist. Der Film hat dafür Kandidaten wie John Waters und Russ Meyer; schön, dass DREDG die Welt der Musik mit einer neuen Facette bereichern. 13 Punkte für den Schockfaktor, fünf bleiben angesichts der indiskutablen Qualität der meisten Songs übrig.
Punkte: 5/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 06.05.2011
Drew Roulette, Tim Carter
Gavin Hayes (Lead), Mark Engles (Backing)
Gavin Hayes, Mark Engles, Tim Carter
Tim Carter
Dino Campanella
Tim Carter, Dave Choe (Percussion), James Jean (Trompete auf "The Ornament")
Universal / Vertigo
41:30
25.04.2011