Odins achtbeiniges Flügelpferd galoppiert wieder auf breiten Schwingen in die Unterwelt. Auf seiner nunmehr bereits dritten Reise entfacht es einen Sogwind, der Minute für Minute stärker wird, dabei allerdings permanent auf dem schmalen Grat zwischen Redundanz und meisterhafter Relevanz pendelt.
Vielleicht liegt es an der Genre-Anlage, die dem Bandnamen geschuldet sein dürfte: THE FLIGHT OF SLEIPNIR ist der nordischen Mythologie entliehen und damit nur ein Eck weit von der Viking-Metal-Ecke entfernt. Doomig ist die Stimmung insofern, als das Ross dazu bestimmt ist, als Sargträger in die Unterwelt einzutauchen. Postrock-Spurenelemente sammeln sich in der eleganten Flugbahn der Instrumentalpassagen. Etwas stonig wird es mitunter aus ikonischen Gründen, wenn das Schlagzeug schallend seine Abdrücke im Stein hinterlässt. In dieser Vielfalt sind Kombinationen verborgen, die eine potenzielle Alleinstellung versprechen, dabei aber auch sinnvoll verknüpft werden müssen, um sich nicht in der Bedeutungslosigkeit der einzelnen Teile zu erschöpfen.
Das gelingt zumindest nicht immer. Ein Universalitätsanspruch durchpflügt zwar das Album in seiner Vollständigkeit; die Linie zu den derzeit paradoxesten Trendsettern der Metalszene, WHILE HEAVEN WEPT etwa oder ATLANTEAN KODEX, ist gezogen. Doch speziell anfangs ist auch viel Beliebigkeit im Spiel. So episch und rau "Transcendence" als Auftakt tönen mag, scheppernd in simpler Riffabfolge, mit Guttural- und Klargesang, wabernder Düsternis und Melancholie, Hand in Hand mit Aggression – das sind mit Sicherheit unverzichtbare Anlagen der Genre-Bestandteile, aber worauf wollen sie hinaus?
Lösungsansätze werden jederzeit angeboten, fertige Lösungen nicht immer. Permanent betten THE FLIGHT OF SLEIPNIR progressive Gerüste in die Stoner-Doom-Anlage, allerdings scheinen sie nicht immer den Mut zu haben, sie auf ein Ziel zu justieren. Das gelingt erstmals richtig mit "As The Ashes Rise (The Embrace Of Dusk)": Hier reißt sich ein Song endlich aus dem starren Aufbau, der einen akustischen Start vorschreibt und irgendwann Aggression hinzu addiert. Diesmal verharrt das Stück in der Akustik, wiegelt sich gar in einen ebenso simplen wie effektiven Klimax und verleiht den vormals konventionell klingenden Aggressivparts rückwirkend eine Besonderheit.
Jetzt ist das Album aufgewacht: "Nine Worlds" geht plötzlich auf Tempo, der Gesang wird zur Rarität umfunktioniert und aus dem Close-Up eines fliegenden Pferdes wird ein Road Movie in Cinemascope, als die Postrock-Anleihen Landschaften bilden. Nebenher fällt auf, wie unmetallisch die Amerikaner auf einmal musizieren. Leider bleiben auch im Unplugged-Modus die redundanten Passagen nicht ganz aus, allerdings werden diese Zwischenstationen verschmerzbarer, je mehr das Ensemble von seinem schillernden und definitiv eigentümlichen Repertoire aufzeigt.
FAZIT: So, wie ein fallender Körper an Beschleunigung zunimmt, je größer die Dauer seines Falls ist, wird auch "Essence Of Nine" wuchtiger, je länger es andauert. Paradoxerweise mutet es dabei in der Instrumentierung zunehmend sanfter oder zumindest bedachter an. Obwohl kaum ein Song von Abschnitten verschont bleibt, die seltsam bedeutungslos und leer bleiben, birgt das Gesamtpaket eine denkwürdige Reise durch die Mythenwelt Skandinaviens, die man als Passagier auf dem Rücken einer anmutigen Gestalt antritt, Gewitterwolken am Horizont vor Augen und der rote Dunst von Vulkanasche darunter.
Punkte: 10/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 07.05.2011
Clayton Cushman
David Csicsely, Clayton Cushman
David Csicsely, Clayton Cushman
Clayton Cushman
David Csicsely
Northern Silence
37:35
13.05.2011