Mike Mills, seines Zeichens Oberhaupt der australischen TOEHIDER, therapiert seinen kreativen Wahn, immerzu und dauernd komponieren zu müssen damit, dass er in zwölf Monaten zwölf EPs einspielt und ohne Rücksicht auf Verluste oder Stilrichtungen mit unbedingter Leidenschaft zur Musik jede Fantasie auslebt, die Noten, Töne und Sounds in seinem Kopf zu projizieren in der Lage sind. Bei derart manischer Produktivität ist es verständlich, nach nur einem Jahr eine Werkschau zu betreiben und in Form von zwei Doppelalben das bisherige Schaffen zusammengefasst auf CD zu präsentieren.
„The First Six“ beinhaltet, wie der Albumtitel bereits subtil andeutet, die ersten sechs TOEHIDER-EPs („The Last Six“ die restlichen). Den Hörer erwartet ein wüstes Potpourri, eine Guerilla-Küche, bei der alles verarbeitet und verwurstet wird, was Spaß macht. Handwerklich sind hierbei keine Dilettanten am Werk, keine Hilfsköche aus der Mensa oder Werkskantine, die mal richtig die Sau rauslassen möchten, sondern fähige Musiker, die angetrieben werden von Bandkopf Mills, dem kreativen Tausendsassa mit einem unheimlichen Gefühl für den richtigen Ton. Da tönen QUEEN aus den Boxen, und zwar die ganz alten. „March Of The Black Queen“ trifft auf „Leroy Brown“. Gesangstechnisch ist Mills ein Chamäleon: Das theatralische Falsett des Pomp-Rock schwingt sich auf zu kraftvollem Power-Metal-Gesang und kommt wieder herunter, um mit Singer-Songwriter-Flair für den einsamen Wolf inklusive melancholischem Pfeifen eine Verschnaufpause anzubieten. Klassischer Prog Rock vereint sich mit modernem Prog Rock. Im einen Moment kommt da DREAM THEATERs „Scenes From A Memory“ ins Ohr, im anderen COHEED & CAMBRIA. Einflüsse aus der Romantik, stampfender Metal mit Symphotupfern und tüchtiges Shredding stehen friedvoll neben experimentellem Zeug mit jazzigem Piano und durchgeknallten „Spoken-Word-Parts“ mit großartigem Akzent und dem gerrrrolltem „R“ eines wahnsinnigen Schotten. Oder haben die Australier ähnliche Eigenheiten in der Aussprache zu bieten? Der linguistisch Bewanderte mag hier gerne aufklären. Kunterbunt ist das alles. Einen Spannungsbogen gibt es nicht. Stückwerk ist das, welches unheimlich Spaß macht. Folkloristische Melodien im Metal-Gewand gibt’s später auf die Ohren und eine treibende, ironische Grunznummer.
TOEHIDER nehmen sich nicht ernst, mutieren aber nicht zu einer Bespaßungskapelle für das Bierzelt. Das schelmische Augenzwinkern manifestiert sich darin, dass bis zu einem gewissen Grad Klischees genüsslich zelebriert und dann am Ende noch einen Tick auf die Spitze getrieben werden. Hier gibt es kein J.B.O aus Downunder zu bewundern, eher eine progressivere Variante von TENACIOUS D mit mehr Ernst. Klingt beknackt? Kann sein, aber es funktioniert.
FAZIT: Das kompositorische Talent von Mike Mills ist wirklich beeindruckend. Wenn TOEHIDER einen Stil imitieren, lassen sie nicht nur eine geschickte Dosis Ironie einfließen, sondern spielen einen großen Teil derjenigen Bands an die Wand, die in ihrer eigenen Genreschublade hauptberuflich tätig sind. Wenn man dann noch bedenkt, in welch kurzer Zeit all dieses Material entstanden ist, wird einem schon etwas mulmig in der Magengegend. Ein in sich geschlossenes Album entsteht auf diese Weise selbstverständlich nicht, aber über zwei Stunden beste Musikunterhaltung, die vom Gitarrenhelden über den Metalhead bis zum Prog-Schnitzel so ziemlich jedem Spaß bereiten dürften.
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 25.10.2011
Amy Cambell
Mike Mills, Amy Cambell, Lachlan Barclay
Mike Mills, Lachlan Barclay
Ricky Evensand
Eigenproduktion/Just For Kicks
134:00
11.11.2011