Was ist das nur für ein seltsamer Bandname!?
Sind den vier deutschen Jungs etwa die STEINE und SCHERBEN ausgegangen, ähnlich wie vor geraumer Zeit EARTH und FIRE der WIND abhanden kam, mit dem sich auch ein YOUNG von CROSBY, STILLS & NASH davontragen ließ?
Welcher TON ist eigentlich gemeint: der (Be)TON, aus dem bereits Prometheus im Goethegedicht die Menschlein nach seinem Bilde formte oder der akustisch-TONale Klang, der zum einen unser Ohr zu verzaubern vermag, zum anderen es auch mächtig nerven kann?
Fragen über Fragen, die wir hier unbedingt „mit dem Eisberg“ ausdiskutieren müssen!
Mit RIO REISER oder besagten SCHERBEN hat die Musik erst einmal überhaupt nichts zu tun. Nichts mit radikaler, politisch aggressiver Kommunen-Mucke, die noch heute Kultstatus besitzt. Nicht die Berlin Hausbesetzer-Szene ist Mittelpunkt, sondern die HAMBURGER SCHULE. Aus der kommen die STERNE oder TOCOTRONIC oder BLUMFELD und mit „Diskussionen mit dem Eisberg“ nunmehr auch TON. Jeder hat in dieser Schule ein Klassenzimmer für sich und kämpft um beste Noten. Und eigentlich gelingt es auch allen irgendwie in der deutschen Musikszene.
Stopp! Da fällt einem doch gleich ein weiteres Merkmal auf: TOcotroNic, das passt, nicht nur als Wortspiel, sondern auch als musikalischer Vergleich. Glücklicherweise sind die deutschen Texte nicht so verkopft wie bei besagten Tocotronicern. TON gehen’s da schon deutlich lockerer an, ohne in irgendwelche Banalitäten zu verfallen oder mit einem aufgesetzten Intellektualismus am Ende nur ratloses Schulterzucken zu ernten. Ein echter Vorteil und Punktgewinn für TON.
Ein paar schöne Beispiele gefällig?
„Ich nehme mir mein Leben / Und behalt es nur für mich.“ (Und dann kamst du)
„Mit jedem Satz von dir wird die Welt ein Wunder ärmer … Die kleinen Illusionen und die wunderbare Sicht nimmst du mir nicht!“ (Mein Fundament)
„Sieht super aus / Fühlt sich scheiße an … Fühlt sich super an / Sieht scheiße aus.“ (Der Typ in der U-Bahn)
„Was, wenn das Licht am Ende des Tunnels nicht das Ende ist / Bloß der entgegenkommende Zug.“ (Wer rettet heute Nacht die Welt)
„Hast du’s dir gemütlich gemacht / In den Gedärmen der Stadt?“ (Mag auch dein Leben angekommen sein)
Die Texte von TOBIAS RÖGER, der zugleich auch die Kompositionen, Keyboards, Gitarre, den Gesang und die Produktion übernimmt, haben was zu sagen, auch wenn sie phonetisch manchmal ein wenig holprig sind. Rögers größte Schwäche liegt allerdings in seinen Fähigkeiten als Produzent. Der Sound ist unter modernen Bedingungen nicht ganz klar, etwas dumpf und die Kanaltrennung könnte deutlich besser sein. Vielleicht hätte mein erster Hördurchgang nicht unter Kopfhörern beginnen sollen, denn genau hier fällt diese Schwäche am permanentesten auf.
Gegen diese Schwäche steht aber das Gefühl für Melodien, die selten nur melancholisch oder gar ausschließlich poppig sind, dafür aber durchaus mal was Hymnisches oder Bleibendes, auf gut Neudeutsch eine Hookline, haben. TONs Musik untermalt überzeugend die Texte und da diese nicht banal sind, ist es die Musik auch nicht.
Sehr ähnlich verhält es sich mit einer ebenfalls deutschen Band, deren Namen ich bisher bewusst noch nicht erwähnt habe, die aber manchmal wie der große Bruder von TON klingt: KETTCAR! – samt einem gehörigen Schuss TOMTE! Genau hier wirft das Schiff auf dem Cover seinen Anker aus. Gitarren treffen auf deutschen Indie-Pop, der es sich auch in anspruchsvolleren Radiostationen durchaus gemütlich machen und den einen oder anderen Aha-Effekt zur Folge haben könnte. Meine Empfehlung: „Der Typ in der U-Bahn“ oder die zarte Ballade „November Dezember“, die fernab jeglichen Kitschs, dafür aber mit einer gehörigen Portion erhobener Feuerzeuge, daherkommt. TON, die vier jungen Männer sehen nicht nur im Booklet sympathisch aus, sie machen auch (im positiven Sinne) sympathische Musik.
FAZIT: Musik, die mit zartem, aber auch härterem Gitarren-Pop im Stil der Hamburger Schule die Ohren der Zuhörer umschmeichelt. Endlich mal wieder ein TON, der nicht zum rechten Ohr rein und zum linken wieder raus geht!
PS für alle, die auf solche Musik stehen, geht zu einem ihrer Konzerte (2.3. im „Colos-Saal“ Aschaffenburg / 18.3. im „Underground“ Köln / 2.4. im „Club Schiller“ Albstadt / 7.4. im „MS Treue“ in Bremen / 8.4. im „Beatlemania“ Hamburg & 9.4. im „Crystal Club“ Berlin)!
Punkte: 11/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 26.01.2011
Philipp Kostka
Tobias Röger
Tobias Röger, Tobias Scheffel
Tobias Scheffel, Tobias Röger
Christoph Zipper
Tonträger / AL!VE
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04.02.2011