Zurückgeschraubte Grind-Anteile, weniger Kettensäge, mehr Präzision. Drummer-Transfer mit der Hardcore-Gruppe COLISEUM, ein neues Verständnis von Fokus und Zielgerichtetheit – es mag sich viel geändert haben im Hause TRAP THEM, doch das wirre Zählen der Tage geht weiter und das Stockholmer Emblem flattert unbeirrt im Aufwind.
Ihren Urschlamm haben die Seattler einst mit dem Bandnamen in den Sümpfen des europäischen Exploitationfilms aufgelesen. TRAP THEM, wie Joe D'Amatos Sex-Splatter-Trash "Trap Them And Kill Them" ursprünglich eine grobschlächtige Skizze, die weder Rücksicht auf die Kunst nimmt noch auf das Befinden des Mainstreams, sondern sich ganz im Sinne der "D.I.Y."-Philosophie aus sich selbst nährt. Verkrustet ist der Schlamm inzwischen zu einem Opus, das wie jedes beachtenswerte Schaffen einem Uhrwerk gleicht: es steht nicht still, und wenn doch, so gehört es zumindest zu ihrem Wesen, sich fortzubewegen. Mit "Darker Handcraft" vollzieht der Vierer aus Seattle eine Entwicklung, die weit über die schnöde Prioritätenverlagerung zwischen Grind- und Hardcore hinausgeht: er mutiert zur Outsider-Kunst.
Nicht unbeachtlichen Anteil daran hat einmal mehr CONVERGEs Kurt Ballou, der die Produktion des Albums derart sleazig und körnig aufbereitet, dass das Schwein sich quiekend vor Freude darin suhlt. Gerade im Zeitalter der digitalen Hochglanzpolitur fällt so etwas auf, und während jeder Drumhit im 360-Grad-Radius blecherne Funken versprüht und aus der unebenen Struktur jedes Gitarrenanschlags mindestens ein Dutzend Splitter herausbrechen, vollzieht sich das Spezielle an TRAP THEM.
"Krach", natürlich, das ist aus der Distanz betrachtet immer noch die treffendste Pointe für die scheppernd laute halbe Stunde ab CD-Start, doch alleine Chris Maggios Drumming legt den Blick frei darauf, wie selten das Kind dem Zufall überlassen wird. Weniger Ultraspeed simulierendes Blast-Gebeate, mehr Progression, und doch, siehe da – die perfekte Simulation von Chaos. Auch wenn es vom Rhythmusstandpunkt aus gesehen beispielsweise am 43. Tag groovy wird, ja streckenweise fast schon sludgig-doomig. Maggio packt erstaunlich viele unterschiedliche Wege in die 30 Minuten, die ihm zur Verfügung stehen. Und nicht nur er – man darf sich nicht wundern, wenn etwa an Tag 32 mal ein echtes Riff aus der Rasierklingenwiese sprießt, bevor eben doch mal wieder der Wahnsinn hyperbolisiert (etwa am 35. oder 37. Tage). Wer sich hier schon wundert, wird mit den letztplatzierten Tagen 47 und 36 wohl kaum klarkommen. Aus der unintendierten Trashcan-Kunst wird etwas Beabsichtigtes, als TRAP THEM plötzlich die Ruhe entdecken. Einzig Ryan McKenney röhrt weiter unbeirrt und unberührt von der Umwelt seinen Schnodder in die weite Welt, als sei nichts geschehen - eine bemerkenswerte Momentaufnahme.
FAZIT: Schönklang und Wohlgefallen sind woanders zu suchen: TRAP THEM bleiben bei den in jeder Hinsicht beschränkten Mitteln, die ihnen von Tradition aus zur Verfügung stehen, und erweisen der Stockholmer Schule damit alle Ehre. "Darker Handcraft" ist Dreck pur, raues Amateurshandwerk, eine Rasiermesser-OP für das Ohr. Und irgendwo tief drin im grieseligen Rauschen, da bringt etwas den mit Metallscherben gefüllten Prügelsack in eine hörenswerte Form.
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 24.03.2011
Stephen Lacour
Ryan McKenney (Lead), Kevin Baker (Guest Vocals)
Brian Izzi
Chris Maggio
Prosthetic Records
31:08
18.03.2011