Mit "Alternative 4", "Judgement" und "A Natural Disaster" wurden ANATHEMA nicht nur zu treuen Wegbegleitern, sondern es entstand auch eine enge persönliche Bindung zu den Songs auf diesen Alben. Die tief bewegende Melancholie und Verzweiflung, die die britische Ausnahmeband darauf zelebrierte, hat mich so intensiv berührt, wie es kaum eine andere Band bisher geschafft hat, ähnlich bewegend empfand ich bislang nur KATATONIAs Meisterwerk "The Great Cold Distance". Sieben lange Jahre dauerte es, bis der Nachfolger zu "A Natural Disaster" erschien und dann war "We're Here Because We're Here" auch noch eine kleine Enttäuschung. Es war beileibe kein schlechtes Album und rein musikalisch immer noch herausragend, doch die Änderung der Atmosphäre blieb nicht ohne Folgen.
"We're Here Because We're Here" war deutlich positiver ausgefallen, als seine Vorgänger und es schien, als habe Songschreiber Danny Cavanagh Frieden mit all den Dingen geschlossen, die für die schwermütige Atmosphäre zuvor verantwortlich waren. Dieser Stimmungsumschwung wurde in der Musik deutlich hörbar und mitunter wurde es mit der positiven Energie auch deutlich übertrieben: die Zeile "everything is energy and energy is you and me" mit dem latenten Hang zum Esoterik-Kitsch steht für mich immer noch stellvertretend für das Album. Dementsprechend war das Gefühl im Vorfeld der Veröffentlichung von "Weather Systems" eher von Skepsis als von Vorfreude geprägt.
Und diese Skepsis scheint sich zunächst auch zu bestätigen. Denn der Opener "Untouchable Part 1" scheint den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen. Die ersten drei Minuten des Songs sind geprägt von lieblichem Gesang zu wirklich toll gespielten Akustikgitarren und Textzeilen wie "my love will never die" und "my feelings will always shine". Dann aber setzt ein Wetterwechsel ein, um in der Sprache des Album zu bleiben. Mit der Hinzunahme von der elektrisch verstärkten Gitarre wird der Song dramatischer, emotionaler und der Gesang intensiver. Auch inhaltlich verändert sich der Song und thematisiert den Verlust eines Menschen: "I had to let you go, to the setting sun". Im Vergleich zu ähnlich gelagerten Songs wie "One Last Goodbye" ist der Schmerz in dem neuen Song aber nicht mehr so akut und es wirkt eher wie ein schwermütiger Blick zurück. Der jedoch ist wiederum so authentisch dargeboten, dass das alte ANATHEMA-Gefühl, diese Gänsehaut erzeugende Ergriffenheit, zurück kommt. "Untouchable Part 2" nimmt die Motive des ersten Teils auf und variiert sie dadurch, dass Lee Douglas im Wechsel mit Vincent den Leadgesang mit brüchiger Stimme übernimmt. Der Song wird relativ konstant von Streichern und Klavier begleitet, ohne dass man dadurch aber zu weit in mainstreamige Gefilde abdriftet und lässt die typischen, flirrenden Gitarren zum Ende hin erklingen. Diese beiden Songs zeigen gut auf, wo die Reise auf "Weather Systems" hingeht: in rein musikalischer Hinsicht ist das Album die logische Fortsetzung von "We're Here Because We're Here", jedoch hat man atmosphärisch eine kleine Kurskorrektur zurück zur Melancholie vorgenommen.
Das passenderweise zu Anfang von "The Gathering Of The Clouds" ertönende Gewitter sowie die düsteren Streicher machen deutlich, dass es nicht unbedingt fröhlich weitergeht. Danny brilliert wiederum mit seinem Spiel auf den akustischen sechs Seiten, erst steigt Vincent mit klagender Stimme ein, bevor die Zweitstimme dazu kommt und diese Stimmen sich zu einem gewaltigen Gesangsarrangement vermengen. Das von ANATHEMA gerne benutzte Mittel der Intensitätssteigerung wird bis zu abrupten Ende ausgereizt und der "Lightning Song" setzt ein. Dieser startet wiederum recht ruhig und vermittelt das entspannte Gefühl, das ein reinigendes Gewitter verursacht. Lee singt weitestgehend allein und die Instrumentalisten bauen langsam aber sicher eine Wall Of Sound auf. Ein recht typischer Song für die "neuen" ANATHEMA. Das folgende "Sunlight" fällt im Vergleich zu den ersten Songs ein wenig ab, ist nach dem gleichen Muster aufgebaut, wie der Song davor, die leicht sperrigen Gesangslinien zünden aber nicht richtig.
Die Überraschung des Albums folgt im über neunminütigen "The Storm Before The Calm", einem Song, der musikalisch sowohl den Sturm, als auch die Ruhe danach umsetzt. Der Sturm ist ein düsterer, treibender Part mit stark elektronischem, teils noisigem Unterbau, Gesangsfetzen und einer markanten "it's getting colder"-Zeile. Die letzten vier Minuten sind der stillere Teil, der zaghaft startet und wiederum leidenschaftlich gesungen wird. Zwar haben die beiden Songteile musikalisch nichts miteinander zu tun, trotzdem ist der Song als Ganzes herausragend. Das vorab bekannt gemachte "The Beginning And The End" ist ebenfalls ein schwermütiger Song, bei dem das schöne Gitarrenarrangement toll mit dem Klavier harmoniert und der Song - wie so oft - an Intensität zulegt und ein unerwartet rockige Gitarrensolo zu bieten hat. "The Lost Child" ist die ruhigste, introvertierteste Nummer auf "Weather Systems", die Streicher haben Soundtrack-Format und der Song fließt mit traurigem Unterton dem Ende zu. Das besteht aus einem Song, der das Thema Nahtoderfahrung behandelt. Hier beeindruckt vor allem das Sample, in dem ein Mann mit bewegenden Worten von einer solchen berichtet. Der sanfte, getragene Song ist ein schöner Ausklang für das Album.
Auch nach dem Ende des Albums ist der "alte" ANATHEMA-Effekt immer noch spürbar. Eine seltsam schwermütige Leere und der Eindruck, das Gehörte miterlebt zu haben. Was nichts anderes als der Beweis dafür, dass die Band den richtigen Schritt vollzogen hat, indem sie der veränderten musikalischen Ausrichtung wieder intensivere, dunklere Emotionen beigemengt hat und damit die Ankündigung, dass das Album musikalisch polarisiert, auch bestätigt. Und damit sind ANATHEMA - immer noch oder wieder? - eine Band, die mit dem Mainstream nichts zu tun hat.
FAZIT: "Weather Systems" ist stärker als "We're Here Because We're Here" und man kann der Band dankbar dafür sein, dass sie die negativeren Gefühle wieder in ihrer Musik zulässt. Die musikalische Weiterentwicklung, die natürlich immer noch weiter weg vom Metal führt, muss man natürlich mögen und nachvollziehen, dann aber kann man sich auch gefühlsmäßig wieder auf ANATHEMA einlassen. Und genau das ist, es diese Band so wertvoll und einzigartig macht.
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 20.04.2012
Jamie Cavanagh
Vincent Cavangh, Lee Douglas
Danny Cavanagh, Vincent Cavanagh
Danny Cavanagh, John Douglas
John Douglas
Kscope / Edel
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20.04.2012