Sei willkommen, herzallerliebstes Déja-Vu! Was das französische Doppel von APRIL hier in traumtänzerischer Melancholie abliefert, befördert mich wieder an die Anfänge meiner Tätigkeit für Musikreviews.de. Ich hatte zum Einstand „Cyber Neptune“ von CLAIRE VEZINA zur Besprechung vorliegen und dabei exakt jenes eigentümliche Gefühl in der Magengrube, das erst „Sunderlands“ drei Jahre später wieder heraufbeschwören sollte.
Wie soll man dieses Gefühl beschreiben? Ich will es mal so formulieren: Da ist ein Sound wie eine Massage. Man genießt die Freiheit der Untätigkeit und wird vollkommen entspannt von einer Woge zur nächsten weitergereicht. So scheint französischer Art Rock zu funktionieren; neben Vezina steuert beispielsweise auch Nicolas Chapels Projekt DEMIANS in diese Richtung, doch keiner von ihnen reizt die Möglichkeiten seines Klangbildes so gut aus wie APRIL.
„Sunderlands“ besteht überwiegend aus Rhythmusfiguren, die dem Trip Hop zuzuordnen sind. Sie tragen zum surrealen Eindruck bei, der die Platte permanent durchströmt. MASSIVE ATTACK werden hier als Einfluss genannt, bei der Konstellation Mann und Frau werden natürlich auch Assoziationen zu LAMB geweckt. Pianolinien führen meist die Motive an, erst später, mit „Frame By Frame“ und „Goodbye Earth“, übernimmt völlig unerwartet Gitarrennoise das Regiment und die Abgründe der NINE INCH NAILS teilen den Erdboden. Bei der Lieblichkeit insbesondere der weiblichen Stimme, die nicht selten nach Anneke van Giersbergen klingt („All Things To All Men“), würde man solche Wege nicht unbedingt erwarten, aber man begrüßt sie mit einem Strahlen im Gesicht und Wärme in der Magengrube. Verstärkt wird das, als sich die lieblichen bis schüchternen Klangmurmeleien dann in emotionalen Bombast ohne Kitsch oder Pathos verwandeln. Im unmittelbaren Kontrast dazu schleichen sich auch wieder experimentelle Passagen ein - eine Orgel, ein Glockenspiel, etwas Theatralisch-Entrücktes.
Gesungen wird im Wechsel auf Englisch und Französisch, mal männlich, mal weiblich, mal im Duett. Flora übernimmt im vokalen Bereich deutlich das Regiment – ihr Partner JiBé, dessen Kind das Projekt ist, legt seinen Fokus spürbar auf die Instrumentierung. Sein Gesang erreicht bei weitem nicht die Intensität der weiblichen Verstärkung und nimmt den Stücken in problematischen Phasen sogar etwas von ihrem Zauber. Dennoch geht das zweistimmige Konzept auf, zumal der Singer / Songwriter-Charakter trotz der Arbeitsteilung erhalten bleibt.
FAZIT: Traumartiger, leicht surrealer französischer Artrock, der jedem empfohlen werden kann, der die Idee hinter DEMIANS mochte, von der Umsetzung aber enttäuscht war. „Sunderlands“ entspannt, ohne auf überraschende Wendungen zu verzichten. Eine sehr gute Sängerin trifft auf einen Songwriter, der als Komponist noch etwas mehr drauf hat als in der Rolle des Sängers – Elfeinhalb von fünfzehn Punkten.
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 05.02.2012
Flora, JiBé
JiBé (alles)
Eigenproduktion
45:02
2011