Regen, eine Kirchglocke erklingt, dann schwere Motorräder, Gitarren setzen ein.
Schon nach wenigen Sekunden wird klar, was der Knackpunkt an ATTIKA 7s Debüt „Blood Of My Enemies“ sein wird: How much pathos can you take?
Diese Frage ist eigentlich selbstverständlich, wirft man einen Blick in die Besetzungsliste dieses Projektes von Evan Seinfeld (Ex-Biohazard, Ex-Tera Patrick, Ex-Nacktfilm-Darsteller) und Rusty Coones, Bike-Designer im US-TV. Klar doch, der durchaus sympathische Riese Rusty Coones verarbeitet hier seine Zeit im Knast, wo er auch Gitarre spielen gelernt hat und natürlich vollkommen zu Unrecht saß, das amerikanische Rechtssystem ist schon ein seltsames, no joke. Und Evan Seinfeld, der schon mit seiner Ex-Band die Frage nach Geisteshaltung und Zurechnungsfähigkeit aufwarf, äußert, dass er sich freut, eine Band echter „Outlaws“ zusammengestellt zu haben. Was ist eigentlich so geil daran, prügelnder Kleinkrimineller zu sein? Klappern gehört zum Handwerk, denkt man bei diesem spirituellem Hintergrund ATTIKA 7s mehr oder weniger heimlich und wendet sich der Musik zu.
Und die ist mäßig aufregender, aber gut gemachter Heavy- und Hardrock, BLACK SABBATH lassen genauso grüßen wie PANTERA-Stakkato-Riffing mit ordentlich Groove und ein kleiner Hauch Hardcore. Damit es auch den Mädels auf den Bikertreffen gefällt, werden immer wieder griffige und melodiöse Refrains eingeworfen, die die harten Jungs mal von der soften Seite zeigen, die aber nicht unbedingt ihre starke ist. Zu forschen Gitarrensoli gesellen sich „Wohoho-Chöre“, die perfekt zum Samstag-Spätnachmittag-Wacken-Party-Slot passen.
Zwischen den Zeilen kann man schon lesen, dass mir persönlich hier etwas die Härte in der Musik fehlt, aber das ist sicher Geschmackssache, so ist auf jeden Fall alles schon massenkompartibel, eingängig, richtige Hits oder ein Gitarrenriff, das es nicht schon in deiner MP3-Sammlung gibt, sind aber auch nicht auszumachen. Zwischendurch gibt es noch einen Spoken-Word-Track, der das eingangs angedeutete Manko der Band nochmals ganz offen zu Tage treten lässt: Floskeln, Phrasen, No Justice, No Peace, No Redemption, Böse Onkels, äh Brothers. Endloses Wiederkäuen der Großstadt-Dschungel-Lyrik. Wieviel Klischee erträgst du?
Nach mehreren Wochen Dauertest hat sich aber herauskristallisiert, welches der perfekte Einsatzzeitpunkt für „Blood Of My Enemies“ ist: Sehr schlechte Laune und das Teil richtig laut aufgedreht, dann gehen ATTIKA 7 doch gut ab und der Titeltrack wird irgendwie nachvollziehbar...
FAZIT: „I Am Still Just A Cliché“ sangen SKUNK ANANSIE selbstkritisch schon vor Jahren, solche Selbstzweifel sind ATTIKA 7 sicher fremd. Die Frage bleibt, wann für den einen das Ganze noch als 1000 mal gehörter Spaß durchgeht oder doch schon zu Fremdscham führt? Wer wirklich was über „Outlaws“ wissen will, der sollte lieber die Autobiographie von Jacques Mesrine lesen.
Punkte: 8/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 27.07.2012
Tony Campos
Evan Seinfeld
Rusty Coones, Spyder Jonez
Death Rock
Membran
48:23
27.07.2012