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Die Wolken und der Treppeneffekt: Hat man es einmal hinaufgeschafft, ist der Ausblick großartig von da oben. Das Gefühl der Euphorie benebelt die Sinne. Muss es eine Wolke höher nicht noch überwältigender sein? Ja! Man nimmt die nächste Wolke in Angriff. In der Tat: Dein Horizont raubt dir inzwischen halb den Verstand. Nur die Wolke darüber stört noch… da geht doch noch was? E-pi-cloud, Baby!
DEVIN TOWNSEND übersteigert bekanntlich für sein Leben gerne. Das steht immer in enger Wechselwirkung mit einer (selbst-)ironischen Komponente, ist zugleich aber auch Sounddesign und vor allem Ausdruck von Unberechenbarkeit im Sinne von Grenzenlosigkeit. Deswegen all die Meere, Himmel, Landschaften, Wurzeln und nicht zuletzt das Weltall der "Ziltoid"-Geschichte auf den Plattencovern. "Epicloud" kommt dem zweiten Teil um den außerirdischen Welteneroberer zuvor – weil es sich Townsend zufolge vom Songwriting her zunächst mal einfach aufgedrängt hat. Anders gesagt, Devy ist momentan eher auf dem Trip "Epic Pop Metal" als "Orchestral Puppet Metal". "Epicloud" ist das neueste Topping in der "Project"-Reihe, eine Metastufe, die auf den eigentlichen Super-Meta-Doppelblocker "Deconstruction" / "Ghost" noch mal eins drauflegt. Soll heißen, inzwischen musiziert Mr. Townsend umgeben von einem Dolby-Surround-Gospelchor UND einer Big Band ("Lucky Animals") mitten im Himmel – dort, wo das helle Blau bereits beginnt, sich mit dem Dunkel des Alls zu verfärben.
Problematisch ist daran, dass gerade Townsends Musik immer ein wenig den Surprise-Effekt braucht – und "Epicloud" ist eher logisches Kontinuum aus den vier vorangegangenen Veröffentlichungen mit dem Schwerpunkt "Addicted". Um sich nach der Tetralogie einen kometenhaften CD-Himmelskörper mit Synthesizer-Kleister und Mann-Frau-Duettgesang vorzustellen, braucht es nicht allzu viel Fantasie, doch genau das bietet der Kanadier.
Wo "Deconstruction" noch reinstes Zitatekino war und mit Reprises nur so um sich warf, lehnt sich "Epicloud" auch in diesem Punkt wieder an "Addicted" an, indem es einen alten Song in das aktuelle Soundgewand kleidet. Damals war es "Hyperdrive" vom Ziltoid-Album, diesmal ist es "Kingdom", das ursprünglich auf "Physicist" veröffentlicht wurde. Das Stück macht mit seinen grellen "Aaaaah"-Chören im Hintergrund und den opernhaften Gesangslinien im "Epicloud"-Kontext durch aus Sinn, aber, die Frage sei erlaubt: Wieviel Sinn verträgt ein Townsend? "Hyperdrive" war mit van Giersbergen an Bord ein herrlich freakiger Superlativ des Originalstücks, "Kingdom" möchte aufs Gleiche hinaus und ist gerade deswegen allenfalls noch eine Verfeinerung, ohne die Überraschung, die damit einhergehen sollte.
Nun, es wird auch sehr viel von Liebe und gegenseitiger Zuneigung gesungen; so fällt beispielsweise nur kurze Zeit nach "Kingdom" die verkitschte Zeile "Loving You Is The Best Thing And The Worst Thing In My Life", und schon nach dem eröffnenden Gospelchor verkündet eine Frauenstimme "I Love You, I Need You, I Want You, I’ve Always Been Around You" – DAS wiederum könnte man durchaus als den Faktor "Durchgeknallt" interpretieren, der in den musikalischen Arrangements ein wenig fehlt. Damit im Hinterkopf blasen die Bombastchöre aus "Liberation", "Kingdom", "Grace" oder "Angel", die zarten Balladen von "Where We Belong" oder "Divine" und die Soundtrack-Einsprengsel von "Lessons" wieder die Gedanken frei und das wunderschöne Duett von "Hold On" kann in vollen Zügen genossen werden.
FAZIT: So ganz möchte ich mich mit dieser Veröffentlichung nicht anfreunden – es fehlt einfach das WHOAAAA. Von DEVIN TOWNSEND sind wir Veröffentlichungen wie diese inzwischen gewöhnt, und es wäre einfach mal wieder Zeit, dass die Härte beim Meister auch mal wieder – wie in seligen Zeiten von STRAPPING YOUNG LAD - ohne begleitende Wattebäusche einkehrt… auch wenn seine Seele ihm anderes diktieren mag.
Punkte: 8/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 23.09.2012
Mike Young
Devin Townsend, Anneke van Giersbergen
Dave Young, Devin Townsend
Devin Townsend
Ryan Van Poederooyen
InsideOut
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21.09.2012