Mit ihrem zweiten Album verdichten die amerikanischen Ex-Instrumental-Proggies ihre Songwriting-Fertigkeiten … was jedoch nicht bedeutet, dass sie Radio-verträgliche Muzak ins Herz geschlossen haben.
Davon lassen bereits die Länge der Stücke und die extravagante Stimmführung von Frontfrau Leslie Hunt absehen. Im eröffnenden "Back And Forth" (noch zu statisch, äußerst Hook-arm) intoniert sie fast wie ein weiblicher Muezzin, derweil ihre Hintermannschaft virtuos, aber zweckmäßig aufspielt, zumal die Chanteuse selbst keine Anstalten macht, plumpe Vierzeiler zum Besten zu geben. Um Vergleiche zu bemühen, hält jener mit den Gruppen aus dem Kader von Unicorn Digital (KARCIUS, KARFAGEN) nach wie vor stand, doch natürlich tun sich durch den Gesang andere Möglichkeiten auf.
Das kurze "Open Your Eyes" wäre andernfalls nicht möglich: Leslie gibt sich ungemein sinnlich, die Band orientiert sich an konventionellen Rock-Strukturen, was dem Track einen starken Alternative-Anstrich verleiht, zumal hier auch für Eingängigkeit gesorgt ist. Auch das folgende "The Actual Color" bleibt kompakt, kokettiert tonal aber mit dem Jazz und wurde rhythmisch hörbar mit dem Taschenrechner ersonnen, denn um derlei Riff-Geschiebe locker leicht wirken zu lassen, müssen DISTRICT 97 offensichtlich noch länger zusammen musizieren. Andererseits gewinnt man aber nicht den Eindruck, sie würden verkrampfen.
"The Perfect Young Man" dient der Sängerin zur Bewährung, weshalb es des Gastbeitrags von John Wetton am Mikro gar nicht bedurft hätte. Mannigfaltige Wendungen ermöglichen ihr, zahlreichen Stimmungen Ausdruck zu verleihen, was sie gleichwohl anhaltend distanziert tut. Deutlich befreit klingen DISTRICT 97 insgesamt zu keinem Zeitpunkt, auch wenn das Ende des Stücks Gelöstheit zumindest in Aussicht stellt und "Who Cares?" im Anschluss unterhaltsam zwischen lyrisch und verschmitzt taumelt.
Auch "Read Your Mind" gehört zu den stärkeren Stücken der Band und sollte wie alle anderen anhand des Booklets textlich mitverfolgt werden, denn anders ist dem narrativen Charakter, den die Band hervorkehrt, nicht beizukommen. Überschaubare Strukturen sind nicht ihr Ding, und so bleibt am Ende folgerichtig der Longtrack "The Thief" das Glanzstück einer irgendwie unbefriedigt zurücklassenden Scheibe, denn Drama und Achterbahn haben sich DISTRICT 97 – zumindest im beschränkten Maß, denn wie gesagt: Steifheit müssen sie sich vorwerfen lassen – bis eben hierher bewahrt.
Der Clou dieses Albums ist die der Erstauflage beigelegte DVD "Live at Rites of Spring", aufgenommen am 22. Mai 2011). Der Gig bringt auch Songs des Debüts "Hybrid Child" auf die Bühne, zeigt aber vor allem, dass DISTRICT 97 keinen Stock im Hintern stecken haben: Das Konzert-Feeling hätte man auf die neue Scheibe hinüberretten müssen.
FAZIT: DISTRICT 97 bestätigen manches Vorurteil im Zusammenhang mit Progressive Rock: "Trouble With Machines" vergisst bei allem musikalischen wie inhaltlichen Anspruch mitunter den laxen Schuss aus der Hüfte, drängt sich aber andererseits als Kopfhörer-Scheibe zum Mitlesen auf. Große Gefühle bezeugen aber andere Bands in diesem Bereich.
Punkte: 8/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 17.09.2012
Patric Mulcahy
Leslie Hunt
Jim Tashjian
Rob Clearfield
Jonathan Schang
The Laser's Edge
55:06 + 86:02
21.09.2012