Konterfei des Machers und Labelname – traditionsgemäß bei Hevhetia – auf dem Cover, dickpappiges Digipack … zu einem edlen Jazz-Album gehören solche Klischees genauso wie Leder und Nieten zum Heavy Metal, aber zum Glück beschränkt sich Grzegorz Karnas' Kalkül aufs Optische, wobei: Schlecht sieht das Layout mit dem eingearbeiteten Booklet ohnehin mitnichten aus.
Der Pole vollbringt das Kunststück, sein Album vollzupacken, ohne zu langweilen, und möchte sich ohrenscheinlich in kein Korsett zwängen lassen. Grob gesagt darf man ihn in die Sparte Vocal Jazz einordnen, allerdings weit entfernt von den vermeintlichen Sternchen, Saubermänner und -Frauen dieser Zunft, die nichts Eigenes zuwege bringen. Karnas schreibt vieles selbst und scheut die Avantgarde nicht, denn er erweist sich als Lippenakrobat, doppelt sich selbst mit Schnarchgeräuschen („Commuting Obsessions“) oder im A Capella-Chor. Vom Charakter her wirkt er mal untrüglich naiv wie im Walzer „Fin d´été“ oder während „„On A Heal-out““, mal altersweise wie in Joni Mitchells „Black Crow“ oder bei „Trois Visages“.
Die Musik dazu ist imtim instrumentiert („Zima“) und groovt einstweilig altmodisch warm, wofür man „Slodka“ oder das traditionell boppige „Spytaj Milicjanta“ (kommt kaum wiederzuerkennen vom polnischen Ensemble Dezerter) heranziehen darf. Holprige Rhythmen vernimmt man auch häufig, etwa in „Summertime Doubts“ oder der finalen Reprise von „Zima“, wobei der meisterliche Bassist Michal Jaros seine Trümpfe ausspielt. Die balladeske Interpretation von „Roxanne“ fällt vor solchem Hintergrund nachgerade konservativ aus.
„Passe ton tour“ und „What Do You Say And Why“ sind imitierte Konversationen auf Französisch
Die „Langue d´amour“-Stücke von Laurie Anderson, teils schleichend mit Cello und ungemein ausdrucksstarkem, oft schrägen Sprechgesang, erzählen bekanntermaßen eine Geschichte vom paradiesischen Sündenfall der anderen Art, und dessen hat sich dieser Künstler wenn auch vielleicht unter Verfechtern der guten (?) Tradition, so doch definitiv nicht bei Überraschungssuchenden schuldig gemacht.
FAZIT: Für Gourmets von originellem Jazz mit besetztem Mikrofon führt an Grzegorz Karnas kein Weg vorbei. „Karnas“ ist ein spannendes Album mit globalem Flair (Sprache) und besteht jeden Wettkampf der Superlativen (instrumentale und gesangliche Darbietung).
Punkte: 11/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 03.10.2012
Michael Jaros
Gregorz Karnas v
Michal Tokaj
Sebastian Frankiewicz
Adam Oles (Cello)
Hevhetia
74:48
25.03.2011