Auf ihrem zweiten Album beeindruckt diese Marburger Band mit einem stilistisch kaum einzuordnenden Sound. Wie wäre es mit Indie-Prog-Drama?
Basser Sotirios spielt neuerdings auch bei MORGOTH, aber das sollte niemanden auf metallische Spurenelemente im Sound von SINEW schließen lassen. Mit dem bombastischen Opener „Leading To Rome“ zieht das Quartett gleich sämtliche Register, die gleichwohl auch Freunde von Nieten und Leder mit den Ohren schlackern lassen dürften: fette Gitarren, großer Refrain und episches Keyboard-Moment am Ende. „Turquoise“ schwelgt hingegen ein wenig zwischen PLACEBO (Stimme) und U2 (Hall-Gitarren), bevor man sich im sphärischen „Mercy On Apollo“ noch weiter zurücknimmt.
SINEW spielen quasi Postrock, ohne sich diesem Genre zuschieben zu lassen, denn sie nehmen die Grundelemente und spinnen sie weiter, mitunter auch mit vordergründig pumpendem Synthesizer und umso kämpferischem Gesang. Apropos: Die Texte gehören gelesen, auch wenn man dazu einen Spiegel bereithalten sollte, da sie im dicken Booklet teilweise verkehrt abgedruckt wurden. „One Glimpse B.C.“ gehört zu den kräftigsten Stücken, das tragische „The Skins I Wear“ hinterher neben „Echoes“ zu den sachten, wenngleich der Produzent ein Händchen für nachgerade brutal klingende Gitarren hat, die „Pilots Of A New Sky“ noch origineller anmuten lassen.
„Arctica“ reizt die dynamischen Extreme zur Gänze aus, und „Life In A Loop“ reüssiert sogar als Klavierballade, sozusagen zur Vorbereitung auf den ebenfalls vom Piano befeuerten Titeltrack, dessen Hauptmotiv SINEW zu einem fast friedlichen Hit gereicht. Ansonsten herrscht auf der Scheibe nämlich eine unterschwellig finstere Stimmung, obzwar nicht ohne Hoffnung. Mit dem Fast-Viertelstünder „The Descend to the Heart of Mount Sadhana“ bekunden die Künstler eine Vorliebe für corigen Schreigesang (abgesehen von einigen Geddy-Lee-Verbeugungen), buddhistische Lehren (Titel) und proggige Strukturen, denn zum Ende hin nimmt das Epos eine völlig neue Wendung. Der ebenfalls überlange Abschluss „One I Seas All“ forciert den Eindruck weiter, es mit einer modernen Artrock-Band zu tun zu haben, weil sich SINEW hier beinahe in Filmsoundtrack-Gefilde begeben und keinen Text brauchen, um den Hörer zu packen.
FAZIT: „Pilot Of A New Sky“ ist ein interessantes und eigenständiges Kunstrock-Scheibchen von internationalem Format geworden, das Fans vieler Lager einen dürfte, ob sie nun DREDG hören, MUSE oder mittlere PORCUPINE TREE und Sachen wie LIS ER STILLE.
Punkte: 11/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 31.05.2012
Sotirios Kelekedis
Sascha Junker
Andreas Mette, Sascha Junker
Andreas Mette
Sascha Chris
Quality Steel / Soulfood
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25.05.2012