Dieses Debütalbum zeigt die Londoner Progger THE FAR MEADOW bereits in einem abgeschlossenen Stadium: Ein neuer Bassist und Gitarrist sind hinzugekommen, doch den gravierenden Umbruch verzeichnet man aufgrund des Weggangs von Sänger und Charismatiker Nok, der „Where Joys Abound“ sehr stark geprägt hat.
Es ist nicht allein diese Ausgeangssituation, welche an die Zeit der Post-“Lamb“-GENESIS gemahnt: Auch die Musik der jungen Gruppe schippert im Fahrwasser der Ikonen, deutet aber auf eine überraschende Tiefe und Chuzpe zur Eigenständigkeit hin. Prinzipiell sind THE FAR MEADOW im symphonischen Prog verankert (zuweilen mit barocker Anmutung wie im Intro zum zynischen „Ancient Foundations“), wobei Nok gerne mehrstimmige Parts arrangiert. „An Introduction To …“ ist allerdings tatsächlich bloß eine Hinführung zum Titelstück, einem oberflächlich betrachtet poppig beschwingten Singer-Songwriter-Stück auf Piano-Basis. Barry stellt hier sein gutes Gespür für aussagekräftige Leads heraus, wohingegen die anderswo (etwa bereits im Opener) agil aufspielende Rhythmusgruppe Zurückhaltung übt.
Auf die gleiche Weise leitet die Klavierstudie „Lost“ später „Of Feats“ ein: Hier konterkariert die liebliche Stimmung zunächst die inhaltliche Spannung des Textes, bevor THE FAR MEADOW einen Alptraum aus schrillen Keyboards und einstweiligen Disco-Beats inszenieren – ein aberwitziges Highlight dieser Scheibe. Das jazzig balladeske „Some Kind Of Love Song“ erfährt innerhalb von sieben Minuten ebenfalls mehrere Brüche, die der jeweils unterschiedlichen Stimmung des Sängers gerecht werden. Nok strahlt dabei die Exzentrik des jungen Fish aus, wohingegen die Instrumentalisten trotz relativ sachter Spielart – feiste Riffs sind nicht ihr Metier – eine intensive Atmosphäre heraufbeschwören.
„Lullabile“ suggeriert weitere Gemeinheiten, ist aber nur ein akustisches Zwischenstück vor „The Visitors“, dem gemeinsam mit „(Restless Spirits)“ – Sprechgesang vor für die Band härtester Klangkulisse – schlichtesten und kürzesten Track auf „Where Joys Abound“, dessen Ende allerdings abermals von düsteren Untertönen durchzogen wird. Mit „The Struggle Ends Here“ reüssieren THE FAR MEADOW wie zu erwarten auch in der Disziplin Longtrack: Der Viertelstünder besitzt alles, was einen solchen ausmacht; nach einer bombastischen Ouvertüre schält sich ein treibendes melodisches Motiv heraus, bevor Gitarre und Keyboard mittels einer hypnotischen Basslinie Einhalt geboten wird. Lakonischer Gesang setzt ein und lässt sich zuletzt von der theatralischen Stimme des Tieftöners kontrastieren. Der Dialog gereicht dem Stück zu einer nach vorne gerichteten Sogwirkung, welche in quirligen Instrumentalparts gipfelt. Selbige flauen nur vorübergehend ab, ehe die Musiker eine gemeinsam Auflösung anstreben. Hinterher fühlt man sich verblüffenderweise erschlagen, wie es selten der Fall ist bei einer nicht zwingend aufs Rocken ausgerichteten Prog-Band.
FAZIT: Das scheinbar Harmonische überzeichnen und kaputtmachen – dies könnte man als Anliegen von THE FAR MEADOW und ihrem Aushängeschild Nok bezeichnen. „Where Joys Abound“ ist somit eine virtuose, oft freundlich klingende Finsterplatte, die das Prog-Jahr 2012 nach unter anderem CITIZEN CAIN für Großbritannien sehr stark ausklingen lässt und einen hoffnungsvollen Newcomer, der gleichwohl aus erfahrenen Musikern besteht, mit packender Musik vorstellt.
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 28.12.2012
Paul Mallatratt
Nok, Paul Mallatratt, Eliot Minn
Jon Barry
Paul Bringloe
Blind Panic / Eigenvertrieb
65:21
14.12.2012