Zurück

Reviews

The Rattlesnake Orchestra: Cartonne Express

Stil: Música Mestiza

Cover: The Rattlesnake Orchestra: Cartonne Express

In Deutschland scheint man immer mehr einer musikalischen Richtung zu verfallen, die ihren Ursprung in Finnland hat. Dem Humppa – oder Ompa-Twang – oder wie auch immer man diese Musik nennen möge, die in sich die unterschiedlichsten musikalischen Stilistiken, von Polka, über Folk, Hip Hop, Punk, Rap, Rock, Ska, Jazz, Chanson, Reggae usw. vereint. Während die finnischen Bands solche exotischen Namen wie ELÄKELÄISET oder ALAMAAILMAN VASARAT tragen, klingen auch deren deutschen Pendants nicht weniger ausgefallen: VLADIWOODSTOK und ab sofort auch THE RATTLESNAKE ORCHESTRA.

Diesen Bands und ihrer Musik ist definitiv eins gemein – sie funktioniert durch ihre dynamisch-lustige, verrückt-vielfältige Art im Bierzelt genauso gut wie auf CD. Spaß ist oberstes Gebot – und die Würde des einen oder anderen Puristen ist hier absolut antastbar. Scheiß drauf, darum gilt für das RATTLESNAKE ORCHESTRA ihr eigenes, selbst ausgerufenes Gebot: „Tanzbar, anfassbar, trinkbar … und sonderbar!“ und „Wir spielen für Freiheit, Frauen, Cuba Libres. Gegen Krieg, Armut und Unterdrückung. Mit Herz und Überzeugung an der Sache. Wir wollten was verändern. Und wollen es immer noch!“ Ja, was soll man dazu sagen: „Genauso klingt die Musik, die keinen Anspruch darauf erhebt, wirklich ernst genommen zu werden. Dafür aber will sie rundum rhythmische (und textliche) Freude verbreiten!“

Aber es gibt auch Unterschiede. Während bei den Finnen sowie den Lokalmatadoren von VLADIWOODSTOK das Akkordeon deren Musik dominiert, ist es beim RATTLESNAKE ORCHESTRA die Trompete. Und wenn es statt einer Klapperschlange auch eine Trompetenschlange geben würde, hätten wir es hier garantiert mit einem Trumpet-Snake-Orchestra zu tun.

In den schönsten Momenten läuft der „Cartonne Express“ wirklich auf Hochtouren Richtung Finnland – allerdings gibt es auch die schwächeren Momente, in denen er an Fahrt verliert und im deutschen Hip-Hop oder Rap zwischen FREUNDESKREIS, JAZZKANTINE und FANTA 4 rumdümpelt, wobei auch die deutschen Texte des an den unterschiedlichsten Sprachen reichen Albums nicht immer das halten, was man von guten Rap-Texten erwartet. Zum Glück stellt aber die Trompete immer wieder die festgefahrenen Gleise neu und rettet sie vorm Abrutschen in Belanglosigkeit.

Besonders schön aber ist, dass ich nach dem dritten oder vierten Hördurchgang des Albums das fragwürdige Vergnügen hatte, mir auf ZDFkultur die noch fragwürdigere Talk-Runde „Roche & Böhmermann“ reinzuziehen, weil als einer der Gäste MAX HERRE von FREUNDESKREIS mit seinem Solo-Album angekündigt war. Charlotte Roche kennt ja zwischenzeitlich in Deutschland fast jeder. Genau, das ist diese größtenteils auf ihre Schamlippen reduzierte „Feuchtgebiete“-Autorin, deren Hirnwindungen irgendwie eine Pimmelform haben müssen. Denn ihre Fragen an Herre bewiesen, dass die Dame noch nicht mal das Album, um das es ging, gehört hatte, die Texte nicht kannte – aber zu dem Schluss kam, dass die Scheibe Scheiße ist. MAX HERRE machte daraufhin das einzig richtige, er stand auf und kündigte an, auf's Klo zu gehen und verschwand. Sofort musste ich in dem Moment daran denken, wie diese „Ich-lege-euch-mein-ganzes-Sexleben-offen-auf-den-Tisch-Frau denn so ein Interview mit THE RATTLESNAKE ORCHESTRA geführt hätte, da es ja einige Parallelen zu MAX HERRE gibt (Ein paar Zitate stammen von der Homepage der Band oder aus deren Texten! - T.K.).

charLOtte roCHe:
„Ich habe gehört – von Anderen, aber nicht von eurer CD – dass ihr 'ne Menge Trompete in eurer Musik verwendet! Warum eigentlich?“

TRO:
So ein ordentliches Gebläse heizt richtig ein – kann auch mal jazzen oder der Musik einen Ausdruck verleihen, den man heute im Mainstream-Pop einfach nicht mehr findet. Ja, die Mighty Mighty Bosstones fragen sich ständig, warum sie nicht auch diese verdammt heißen Bläser-Grooves spielen.“

CharLOtte roCHe:
„Also ich denke beim Blasen immer an was Anderes – sowas Biologisches, das bei Männern unterhalb der Gürtellinie hängt und wenn ich darauf richtig Flöte spiele, dann klingt das am Ende ziemlich steif und hölzern. Ach, jetzt habe ich mich ja schon wieder verquatscht. Hier geht’s ja um eure Musik und nicht um meine Vorlieben. Nächste Frage: Wie nennt man eigentlich euren Musikstil?“

TRO:
„Wir spielen Música Mestiza! So wird Musik bezeichnet, in der sich Musikstile aus Lateinamerika wie Salsa, Rumba und Cumbia mit verschiedenen Einflüssen aus der Pop- und Rockszene vermischen, vor allem mit Ska, Rap, Reggae und Punkrock.“

charLOtte roCHe:
„Also dann lasst uns gleich noch mal auf's Poppen und die Ergüsse kommen!“

TRO:
„Pop als Einfluss, nicht als Erguss – meinst du doch wohl?“

charLOtte roCHe:
"Also wenn ich was sage, dann meine ich das auch so. Und so ein paar bescheuerte Musiker wie ihr, die noch nicht mal poppen können, aber davon rumfaseln, die habe ich sowieso gefressen. Überhaupt ist Musik so ein richtiges Scheißthema für mich. Da geht’s viel zu selten um's Ficken – außer die Band heißt DAS NIVEAU. Und die kenn' ich. Die sind gut. Die haben mein Niveau. Feuchtgebiete. Gruppensex. Hämorrhoiden – das sollten die wahren Themen sein. Nicht die 'Hand Gottes', der fette Ex-Fußballer und Ex-Trainer Maradona oder 'Terzen und Oktaven' oder irgendwelcher politischer Kram. Besinnt euch mal ihr Spinner und macht was Vernünftiges – keinen multikulturellen Musik-Krams, sondern multikulturelle Orgasmen. Das zählt!“

TRO:
„Alles klar. Wir gehen dann mal kacken und du seltsam unmusikalisch Gevögelte kannst dich wieder in deine Feuchtgebiete verdrücken und weiter mit dir vor deinen Zuschauern Selbstgespräche führen. Und überhaupt: 'Scheiß auf dein Müsli, wenn der Rest gut ist. Ich hoff', dass die Hook auf dich zutrifft.' Charlotte und als letzte Botschaft – nur für dich: 'Bei dir schießt Amor mit Pfeilen wie die Amis mit Gewehren.' Nach uns ruft das Klo, nach dir hoffentlich bald die Gosse – und tschüss!“

charLOtte roCHe:
„Hey, ihr könnt doch nicht so einfach aus meiner Runde abhauen – was wird denn nun aus dem Gruppensex?“

FAZIT: „Cartonne Express“ ist ein buntes Musik-Feuerwerk geworden, das besonders dann losdonnert, wenn die Gebläse ins Spiel kommen, aber im Rap- oder Hip-Hop-Bereich nicht ganz das Feuer zu versprühen vermag, das mit den ersten Salven verschossen wurde. Besonders blöd aber ist der Rückgriff auf einen Hidden-Track, der nach 5 Minuten Stille am Ende der CD aus akustischer Gitarre und Gesang besteht. Die Zeiten, als sowas noch überraschend oder einfallsreich war, sollten längst vorbei sein.

Punkte: 9/15

Erschienen auf www.musikreviews.de am 13.09.2012

Tracklist

  1. Ioeh
  2. Tango Tornado
  3. Mal À La Tête
  4. Herz und Magen
  5. Bitte sehr
  6. Cuánto Tiempo
  7. Pirates De Mayence
  8. Special K
  9. J'aimerais Partir Maintenant
  10. Maradona
  11. A F Super U
  12. Was ist das denn? (Hidden Track)

Besetzung

  • Bass

    Kay Adams

  • Gesang

    Fabian Wolff, Martin Treutlein / Jonas Kürschner (Sprechgesang)

  • Gitarre

    Fabian Wolff, Martin Treutlein, Moritz Eisenach

  • Schlagzeug

    Martin Budai / Carpe Kraushaar & Jonas Kürschner (Percussion)

  • Sonstiges

    Carpe Kraushaar (Trompete), Tobias Ruppert (Saxofon), Stephan Heer (Posaune), Lisa Simonis (Backing Vocals)

Sonstiges

  • Label

    Timezone

  • Spieldauer

    48:01

  • Erscheinungsdatum

    14.09.2012

© Musikreviews.de