Alle zehn Jahre wieder … pünktlich zum neuerlichen Jubiläum eines der wichtigsten Alben der jüngeren Musikgeschichte betreiben Universal das alte Spiel und schröpfen den Fan der Band, die mit dieser Scheibe alle (!) nachfolgenden Rockmusiker direkt oder indirekt beeinflusst hat, indem sie (das Label) einen weiteren Furz geborgen haben wollen, den Lou Reed, John Cale und Co. damals nicht öffentlich gemacht haben. Im Vergleich zur 2002 in optisch ähnlich aufbereiteter Form (Doppel-CD im Digipack, dickes Booklet) veröffentlichten Version hat die neue ausdrücklich nicht die Nase vorn.
Jene stellte nämlich die ursprüngliche Mono-Version des Albums zur Schau, die gemeinhin und auch von diesem Rezensenten bevorzugt wird, weil sie schlicht die erste gewesen ist und dem schroffen Charakter der Musik eher Rechnung trägt. Die 2012er Fassung wartet stattdessen mit den von Azetaten und Bändern gezogenen Studio-Sessions aus dem April 1966 auf, die insgesamt neun Stücke ausmachen; bei den restlichen sechs handelt es sich um eine mitgeschnittene Probe aus dem The Factory zu Beginn desselben Jahres. Auf der ersten CD wiederum befinden sich neben den Album-Tracks in Stereo die mittlerweile hinlänglich bekannten Alternativ-Versionen von vier Stücken für den Erbsenzähler und Rosinenpicker. Das Remastering wurde in den musikgeschichtlich ebenfalls nicht wenig vorbelasteten Sterling Sound Studios erledigt, aber dies alles – den Protagonisten bei Arbeiten auf die Finger zu hören – ist natürlich nur Makulatur, denn die elf Originalstücke des selbstbetitelten Albums entfalten ihre Pracht auch auf einem kaputten Kassettendeck im IIer Golf aus den Achtzigern oder so … vermutlich sogar noch besser als in „audiophiler“ Form.
Über „The Velvet Underground & Nico“ wurden Abhandlungen geschrieben und Legenden gedichtet, also verbietet es sich im Prinzip, lang und breit von ihnen zu schwadronieren, auch weil die masturbierenden Kritiker im Feuilleton und nicht in der Redaktion dieser Website sitzen. Wer die Platte noch nicht kennt – es soll ja heranwachsende Hörer geben, die noch ärger mit der Ungnade der späten Geburt gestraft sind als dieser Schreiber –, mag THE VELVET UNDERGROUND als Kollektiv betrachten, das sich zuallererst als Künstler verstand und erst dann Musik machte. Eingedenk der konträren Egos, Wurzeln und inneren Dämonen aller Beteiligten ergab diese in den sechziger Jahren eine avantgardistische wie explosive Mischung, die seinerzeit floppte sowie im Nachhinein zu Recht als Startschuss für den Tabubruch („Waiting For The Man“!) durch und die soziale Brisanz von Gitarrenmusik geadelt werden musste. Ohne die von Andy Warhol protegierte Formation – Reed und Cale machen bekanntermaßen heute noch mehr oder weniger unzweifelhaft von sich reden – gäbe es bis heute ausschließlich brav in Reihe tanzende Pop-Sternchen ohne Aussage, hinter denen Geschäftsleute die Fäden ziehen. Vielfalt und Gegenbewegungen im Bereich sogenannter U-Musik würden sich gänzlich anders gestalten, falls sie überhaupt existierten.
Nun auf die Ironie der Vereinnahmung der Band durch den Mainstream und just die Popkultur hinzuweisen, würde bedeuten, eine der erwähnten Abhandlungen heraufzubeschwören, also enden wir hier mit einer Kaufempfehlung für welche Edition auch immer (im Geiste der Band am besten irgendein Bootleg, aber bitte nicht die noch üppigere Sechs-CD-Fassung, unter anderem mit Hardcover-Buch und Nicos „Chelsea Girl“-Album, von dem der wie gesagt bessere 2002er Re-Release nur eine Auswahl von fünf Songs bot) und wundern uns, was in zehn beziehungsweise naheliegenderweise vielleicht schon fünf Jahren auf einmal aus irgendwelchen Archiven fallen wird.
FAZIT: „The Velvet Underground & Nico“ sollte jeder Mensch, der nur annähernd mit Musik zu tun hat, mindestens einmal im Leben gehört haben. Wer Universal nicht den Mittelfinger zeigt, sondern teures Geld für einen weiteren Aufguss mit fragwürdigen Zusätzen hinlegt, dem obendrein die essenzielle Abmischung des eigentlichen Albums fehlt, der gehört zu ebenjenem Establishment, dem THE VELVET UNDERGROUND zu Beginn nicht ferner hätten stehen können.
Erschienen auf www.musikreviews.de am 08.11.2012
John Cale
Nico, Lou Reed
Sterling Morrison, Lou Reed
John Cale
John Cale (E-Bratsche, Celesta), Maureen Tucker (Percussion)
Universal
78:37 + 72:51
26.10.2012