So, so: Mit ihrer vierten Langspielplatte wollen die Bad Segeberger Melo-Punks also erwachsener klingen … Der Titel deutet einmal mehr (Stichwort „Sanguinity“, der Vorgänger) darauf hin, dass THREE CHORD SOCIETY kein Wässerchen trüben können.
Punk darf man allenthalben noch als Sound-Element der Band bezeichnen, denn auf echtes Anecken haben es die Musiker nicht angelegt; vielmehr verstehen sie sich wie von Ihnen gewohnt auch jetzt noch auf schlicht gutes Songwriting mit offenherzigem Feeling. Obwohl auch instrumental nicht gerade Sturm und Drang angesagt sind, bringen die Jungs eine bewusst verspielte Deutungsart ihrer Stilistik zu Gehör, wobei insbesondere der Rhythmusgruppe (Felix Henker trommelt teils so zweckmäßig virtuos, dass man seine Fills in Dauerschleife laufen lassen könnte) ein kleiner Orden zu verleihen ist.
Dies führt zugleich dazu, dass THREE CHORD SOCIETY nicht Gefahr laufen, schnell schal werdende Hits aneinanderzureihen. An „Days Of Grace“ kann man dementsprechend länger Freude haben und gar schreiberische Feinheiten entdecken, die alle, denen der Bandname ein wörtlich zu nehmendes Gesetz ist, Lügen strafen. Ben Braun klingt in seiner Aussprache zwar mitunter zu bemüht amerikanisch, aber immerzu ehrlich, was sich vornehmlich im rührenden Titelstück auszahlt. Melodischer Punk lebt von seiner unterschwelligen Melancholie – und die versprüht das Quintett durchweg, ohne unglaubwürdig zu wirken.
An dem verhalten wütende Doppel aus „Settle For The Storm“ und „Bullshit Boulevard“ sowie der besonders poppigen Hymne „As Long As There Is A Light“ (ein Trumpf: die dynamische Produktion) sollte in Sachen Nett-Punk eigentlich niemand vorbeikommen in diesem Jahr; hoffentlich tritt nicht ein, was Kollege P. zum vorangegangenen Teller geschrieben hat, denn andere hätten es eher verdient, im Wust kindischer Pseudo-Rebellen unterzugehen.
FAZIT: THREE CHORD SOCIETY spielen nicht nur für Deutschland hochwertigen und tiefsinnigen Rock mit beiden Füßen im schmissigen Punk. „Days Of Grace“ festigt ihren Status als ernste wie redliche Band, an der man sich auch auf lange Sicht als Genre-Freund nicht satthört – nach wie vor ein echter Tipp abseits des Mainstream.
Punkte: 10/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 29.10.2012
Jan Reimers
Ben Braun
Nils Mülla, Mamel Endtricht
Felix Henker
141 Records
39:49
02.11.2012