Der Schwede Anders Björler sorgt mit seinem ersten Solalbum für eine der Überraschungen des Jahres. Warten Metal-Musiker unter ihrem eigenen Namen fürderhin nicht selten mit mehr oder weniger egomanischen Zeugnissen ihrer Virtuosität auf, entwirft der mit AT THE GATES zur Legende gewordene und dank THE HAUNTED stets am Puls härterer Sounds gebliebene Gitarrist Stücke, die mit gebräuchlichen Kritikerworten (atmosphärisch, stimmungsvoll, cineastisch und so weiter) nicht zu umreißen sind.
Die auch optisch toll aufgezogene Scheibe bietet mäandernde Melodien mit vielen Widerhaken, extrem geschmackvolle Gitarrentöne und ein auf wundervolle Weise atmender Aufnahmeklang aus dem Hause - Achtung - Tue Madsen, der mit "Antikythera" wahrscheinlich seine dynamischste Arbeit überhaupt vorlegt. Einmal mehr bestätigt sich dabei die These, dass kein Tonexperte Wunder wirken kann, wenn das Ausgangsmaterial von Stümpern zusammengetragen wurde - denn solche hat Björler beileibe nicht um sich geschart: Zappa-Intimus Ågrens im Gegensatz zu seinem Schulterschluss mit Fredrik Thordendal nicht viehisches, sondern minmalistisches Spiel (nur in "The Saros Cycle" geht er etwas aus sich heraus) steht in enger Beziehung zum Bass dem in "Callipic Cycle" das Rampenlicht gebührt, und das im Gegensatz zum Rest der Musiker junge Jazz-Talent Carl Svensson, mit dem MESHUGGAHs Tieftöner Lövgren auch beim Experimental-Trio ANGRY LONER zockt, ist angesichts der verzahnten Licks nicht von Björlers Seite wegzudenken.
Bleiben noch Peter Wiberg von den schwedischen Ur-Rockern THE SPOTNICKS, ohne den das treibende "223" mit seinen traumhaften Harmonien wahrscheinlich unmöglich geblieben wäre, und Anders Gabrielson (macht mit HI HANK! freien Jazz), der nicht nur das swingenden "Uncovering The Mechanism" veredelt. Im rauschenden "The Exeligmos Cycle" hört man einige der seltenen Akkorde mit eingeschaltetem Verzerrer, die wie Wände im gefühlten Wellengang stehen, während Himmelsglocken läuten, in "Decree Of Canopus" wiederum feierliche Chor-Samples. Abgerundet wird diese sehr, sehr gute Instrumental-Platte vom an PINK FLOYD gemahnenden "Lunar Eclipse". Schlicht und ergreifend toll.
FAZIT: Mit "Antikythera" legt Anders Björler für 2013 eines der schönsten Alben aus dem weitgefassten Rock-Kontext ohne Gesang vor. Die Musik evoziert große Kopfbilder, beeindruckt in ihrer Umsetzung und setzt einen gefühlvollen Kontrapunkt zum allseitigen Technik-Streben, ohne in seichte Gewässer abzudriften - die Fantasie anregend und greifbar fast wie feuchter Nebel.
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 05.11.2013
Dick Lövgren
Anders Björler, Carl Svensson
Peter Wiberg
Morgan Ågren
Anders Gabrielson (Saxofon)
Razzia
38:34
08.11.2013