HELLOWEEN sind ungewöhnlichen Songthemen gegenüber ja seit Langem aufgeschlossen. Nun kredenzt Sänger Andi Deris also ein Soloalbum über geldgeile Banker und verleiht seiner Band auch gleich einen wenig schmeichelhaften Namen. Ob das Thema auf einer Heavy Metal-Scheibe adäquat behandelt werden kann, mag jeder für sich entscheiden.
„Million Dollar Haircuts On Ten Cent Heads“ beginnt jedenfalls nachvollziehbar mit einem musikalischen Wutausbruch, der durchaus überrascht. Deris und seine Mannschaft klingen hier einerseits ähnlich ruppig wie RAGE in ihrer Spätneunziger-Phase, andererseits mit siebensaitigen Gitarren ziemlich modern. Auch die folgenden beiden Titel erklingen, einmal eher rockig, dann mehr groovend, in diesem ungewohnten Sound. Der Cheffe zeigt sich hier wandlungsfähig und angriffslustig, aber nicht unbedingt von seiner stärksten Seite. Richtig böse können andere besser. Dazu ist der Sound der Eröffnungstroika ein wenig eng geraten.
Im weiteren Verlauf ändert sich das allerdings, ebenso wie die Stilistik sich wieder auf klassischen Heavy Metal einpendelt. Da bekommen Schlagzeuger Nasim López-Palacios und Bassist Jezoar Marrero dann einen besseren Platz im Klangbild, den sie gut zu nutzen wissen. Andi Deris Anliegen, die Scheibe in einem Bandgefüge einzuspielen, geht dennoch nicht ganz auf. Fehlende Impulse von der noch jungen Mannschaft, ordentliche, aber selten bemerkenswerte Solos und insgesamt wenig Raum für Einzelleistungen zeigen, dass das keine langjährige Mannschaft ist, die erfahren agiert.
Dafür machen wiederum die Songs von „Million Dollar Haircuts On Ten Cent Heads“ einiges gut: Der größte Moment des Albums ist „Blind“, dessen leicht melancholisch-bedrohlicher Tonfall auch die zweite Hälfte des Albums bestimmt und einen schönen Spannungsbogen einleitet. Der wird nur noch vom ironischerweise sehr mainstreamigen SCORPIONS-Rocker „Don't Listen To The Radio“ unterbrochen. Danach können sich Deris-Fans uneingeschränkt der fantastischen Kopfstimmen-Performance ihres Idols hingeben. Was die Melodien angeht, so sind die Titel fast alle Volltreffer, angefangen beim erwähnten „Blind“ und dann ohne Pause von „Who Am I“ bis zu „This Could Go On Forever“. Entspannt und in Dur ist erst der Schlusstrack mit Akustikgitarren, davor regiert die vertonte Angst der Märkte. Ob das auf die Dauer zu eintönig wird, muss der Langzeithörversuch zeigen.
FAZIT: „Million Dollar Haircuts On Ten Cent Heads“ ist ein gutes Album, das mit Textkonzept und Stimmung aus dem Rahmen der Genreveröffentlichungen fällt. Und auch, wenn der Meister sich nach außen vornehm zurückhält: Es ist ein reinrassiges Soloalbum, denn hier brillieren vor allem die Songwriting- und Sangeskünste des Andi Deris.
Punkte: 11/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 10.12.2013
Jezoar Marrero
Andi Deris
Nico Martin, Andi Deris
Nasim López-Palacios
earMUSIC
43:53
22.11.2013