Die gebürtige Norwegerin Brun ist hierzulande eine verhältnismäßig kleine Nummer, erfreut sich aber im skandinavischen Raum und auf der anderen Seite des Atlantik größerer Beliebtheit. Ihren bislang sechs Studioalben folgt nun zum Jubiläum von "Spending Time With Morgan" eine Compilation als Werkschau mit einigen unveröffentlichten beziehungsweise neuen Tracks.
Ins Englische überführte Chanson-Dünkel wie in "My Lover Will Go" und "Humming One Of Your Songs" ergeben sich auch aus der teils kammerorchestralen Instrumentierung, und der Eindruck, den Country- bis Gospel-affine Songwriter-Stücke hinterlassen, sporadisch von akustischer Gitarre begleitet wie "Are They Saying Goodbye" und "Temporary Dive", wird durch Ane Bruns wehmütige Stimmführung forciert. Folglich wohnt der gesamten Compilation ein melancholischer Grundton inne, der jedoch anders als bei nicht wenigen Musikerinnen, die aus ähnlichen Stiltöpfen schöpfen, nicht austauschbar, sondern sogar sehr markant klingt.
Woran mag es liegen? Dreh und Angepunkt ist sicherlich die sehr variable Stimme der Sängerin, aber die Kompositionen an sich schließen von vornherein jeglichen Verdacht aus, es handle sich um findig zusammengesetztes Stückwerk kundiger Mainstream-Arrangeure, auch wenn Brun beileibe nicht allein für ihren Erfolg beziehungsweise die Songs verantwortlich zeichnet. Den torkelnden "Song No. 6" intoniert sie im Duett mit Ron Sexsmith, "Neighbourhood #1" stammt ursprünglich von ARCADE FIRE (toll umgesetzt im Übrigen), der Standard "Feeling Good" wurde durch Nina Simone bekannt, und "Don't Give Up bestreitet sie gar gemeinsam mit Peter Gabriel. Die Covers von "Big In Japan" und "True Colors" wurden gleichsam respekt- und niveauvoll umgesetzt.
Auszüge vom Album "Duets" - etwa der Höhepunkt "Rubber And Soul" mit dem Isländer Teitur - nehmen der Stringenz von "Songs" genauso wenig wie leicht versponnenes Material ("The Puzzle", "Ten Seconds"), das Brun in die Nähe von Elfen wie Joanna Newsom rückt, oder die im intimen Rahmen live dargebotenen Tracks auf der zweiten CD. Traumschön dabei: das muttersprachliche "Du Gråter Så Store Tåra" und das auf Félix Lunas gleichnamigem Gedicht beruhende "Alfonsina Y El Mar".
FAZIT: Ane Brun reicht mit ihrer Doppel-CD "Songs" einen repräsentativen Querschnitt ihres fragilen, der Welt jedoch nicht enthobenen Schaffens ein, der auch Kennern genügend interessanten Stoff bietet und Unbedarften schmackhaft macht, was erstere längst wissen: Nicht nur in Europa steht die Künstlerin in puncto Gefühl und Authentizität in der oberen Etage. Image-Gören und Gesangsautistinnen mit gutem Visagisten warten weiter unten auf den Fahrstuhl.
Erschienen auf www.musikreviews.de am 30.05.2013
Ane Brun
Ballon Ranger / Cargo
57:45 + 70:02
31.05.2013