Der Gesang ANNEKE VAN GIERSBERGENs sorgt auch auf „Drive“ noch für Gänsehaut. Ihre klare, kräftige Stimme, die sich nie in feenhafte Höhen oder Pseudo-Oper-Dramatik flüchten muss, um wahrgenommen zu werden, bezaubert einfach.
Musikalisch sieht es etwas düsterer aus. Nicht wirklich düster, eher heller, geradezu von sonniger Scheinherrlichkeit. „Drive“ bietet eingängigen Pop, irgendwo zwischen FLEETWOOD MAC („We Live On“ – könnte auch ein sportliches Großereignis eröffnen. Oder beschließen) und den CRANBERRIES („Treat Me Like A Lady“), ohne die popmusikalische Bedeutung der Ersten und die One-Hit-Wonder-Vergänglichkeit der Zweiten zu erreichen. Selbst wenn es etwas härter zugeht („You Will Never Change“, „Forgive Me“) herrscht eine federweiche Freundlichkeit vor, die den Songs jegliche Spitzen und Kanten nimmt. Die Melodien sind eingängig, dezent hymnisch und nicht so platt, dass sie Ohrenschmerzen verursachen, doch hart an der Grenze zur Beliebigkeit angesiedelt.
Ausnahmen sind das exzellente „Mental Jungle“, vermutlich der Song, der am meisten an GIERSBERGENs THE GATHERING-Vergangenheit erinnert. Mit mehr als einem Fuß im Orient angesiedelt und vom adäquaten Gastsänger Hayko Cepkin veredelt. Interessant auch der hemmungslose Ausflug ins Land der Gute-Nacht-Lieder „My Mother Said“, dessen anrührendem Tonfall man sich nur verschließen kann, wenn man ein Herz aus Stein hat. Dem steht eher Belangloses wie „Shooting For The Stars“ gegenüber, das zwar seine Momente hat, aber gerade im Refrain schwächelt. Vermutlich ein potenzieller Hit in Karaoke-Bars für Könner. Der Schlusstrack „The Best Is Yet To Come“ ist ein Versprechen, dass der Song selbst nicht halten kann. Ein zünftig hingeschmetterter Midtempo-Pomp-Rocker, den wir in dieser Art zwar schon viel schlechter gehört haben, aber so richtig auch nicht brauchen. Bleibt die Stimme und jede Menge gute Gefühle.
FAZIT: Pop goes the Anneke. Sie macht das nachdrücklich, hat Pep und Power und Muse für verträumte Pausen. „Drive“ ist, nicht nur vom Titel her, das richtige Album für eine Fahrt im offenen Cabrio an der sonnigen Nordseeküste lang. Machen wir nicht allzu häufig, und genau diese zurückhaltende Frequenz passt zum Werk.
Punkte: 9/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 22.10.2013
Joost van Haaren
Anneke van Giersbergen, Annelies Kuijsters, Hayko Cepkin
Gijs Coolen, Ferry Duijsens, Anneke van Giersbergen
Annelies Kuijsters
Rob Snijders
Insideoutmusic/Universal
37:28
20.09.2013