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Ayreon: The Theory Of Everything

Stil: Progressive Rock

Cover: Ayreon: The Theory Of Everything

Ein neues AYREON-Album mutet in unserer heutigen Zeit, die aus Youtube-Appetithappen und immer schneller wechselnden „Flavour of the week“ zu bestehen scheint, wie ein kompletter Anachronismus an. Wer nimmt sich heute noch die Zeit, ein rund 90-minütiges musikalisches Abenteuer von vorne bis hinten anzuhören, eine musikalische Reise anzutreten, in der man auch noch beim 20. Hören etwas Neues entdecken kann?

Es mag im Jahre 2013 nicht mehr wirklich viele Menschen geben, die so etwas machen. Aber jeder, der auf die Entdeckerreise mit „The Theory of Everything“ geht, dem achten Album von Arjen Anthony Lucassen unter dem AYREON-Banner, der wird spüren, dass Musik auch in schnelllebigen Zeiten wie diesen etwas Einmaliges ist. Etwas, das, zumindest wenn von wahren Künstlern erschaffen, niemals der Fastfood-Mentalität erliegt. (Blenden wir an dieser Stelle allerdings die Lyrics mal aus, denn die krude Geschichte um einen Wissenschaftler bewegt sich sprachlich im Gegensatz zum musikalischen Sternekoch-Menü eher auf, um im lukullischen Sprachbild zu bleiben, Frittenschmieden-Niveau).

Im Vergleich zum extrem voll beladenen Vorgänger „01011001“ hat Lucassen auf „The Theory Of Everything“ – wer hätte so etwas einmal für möglich gehalten? – tatsächlich einige Gänge zurückgeschaltet. Insbesondere im Bereich der Sänger wurde abgespeckt. Die ganz großen Namen fehlen diesmal – und damit leider auch die ganz großen Stimmen: Kein Sänger, der schon einmal auf einem AYREON-Album zu hören war, ist auf dem neuen Doppelalbum vertreten. Was bedeutet, dass beispielsweise Tommy Karevik (KAMELOT), Cristina Scabbia (LACUNA COIL) oder Marko Hietala (NIGHTWISH) zwar einen guten Job abliefern, aber eben nicht die Fußstapfen ihrer übergroßen Vorgänger wie Russell Allen, Bruce Dickinson, Tom Englund oder Anneke van Gierbergen auszufüllen vermögen.

Auch bei den Musikern hat Lucassen im Vergleich zu früheren Alben deutlich reduziert. Die spektakulärsten Namen treten im Bereich der Tasteninstrumente ans Tageslicht: Mit Rick Wakeman, Keith Emerson und Jordan Rudess sind gleich drei exzellente Keyboarder zu hören, die mit ihrem unverkennbarem Spiel für einige Höhepunkte sorgen – wenngleich lediglich Rick Wakeman mehr als einmal in Aktion tritt.

Ob die Reduktion der Mannschaft nun darin begründet liegt, dass Lucassen auf seinem Soloalbum „Lost In The New Real“ ganz gut mit einer kleineren Besetzung gefahren ist oder ob eher finanzielle Hintergründe dafür verantwortlich sind, gehört ins Reich der Spekulation – und nicht in diese Kritik. Wie dem auch sein, auch musikalisch gilt bei AYREON die Devise „weniger ist mehr“. Weniger offensichtliche „Hits“, weniger Spuren, und repetitive Abschnitte gibt es lediglich songübergreifend. Nun verdingt sich der niederländische Multiinstrumentalist Lucassen nicht wirklich im klangreduzierten Singer-Songwriter-Metier, stattet seine Songs immer noch mit reichlich opulenten Soundteppichen aus, aber eben doch ein wenig dezenter als noch auf früheren Alben. Der musikalische Schwerpunkt liegt, was angesichts der Besetzung wenig verwundert, noch mehr auf dem progressiven Artrock der 70er-Jahre; „Metal“ gibt es auf „The Theory Of Everything“ allenfalls punktuell. Stattdessen sind keltische Einflüsse mehr denn je zu hören. Auf jeden Fall schafft es Lucassen mal wieder, 90 Minuten wie im Fluge vergehen zu lassen. Und man ist geneigt, gleich den Finger auf „Repeat“ zu legen.

FAZIT: Viele warme Keyboard-Sounds, viele Gänsehaut-Melodien – das ist typisch AYREON. Dass man dennoch an mancher Stelle Sound und Sänger reduziert hat, tut dem Gesamtkunstwerk gut. Wer sich im orgellastigen Bombast-Rock der Siebziger wohlfühlt, der wird auch „The Theory Of Everything“ lobpreisen. Und wer bislang AYREON die Treue gehalten hat, für den gibt es genau null Gründe, dies auch nicht in Zukunft zu tun. Schön, dass es noch Anachronismen wie diese Band gibt.

Punkte: 11/15

Erschienen auf www.musikreviews.de am 12.11.2013

Tracklist

  1. PHASE I: SINGULARITY
  2. Prologue: The Blackboard
  3. The Theory Of Everything Part 1
  4. Patterns
  5. The Prodigy’s World
  6. The Teacher’s Discovery
  7. Love And Envy
  8. Progressive Waves
  9. The Gift
  10. The Eleventh Dimension
  11. Inertia
  12. The Theory of Everything Part 2
  13. PHASE II: SYMMETRY
  14. The Consultation
  15. Diagnosis
  16. The Argument 1
  17. The Rival’s Dilemma
  18. Surface Tension
  19. Reason To Live
  20. Potential
  21. Quantum Chaos
  22. Dark Medicine
  23. Alive!
  24. The Prediction
  25. PHASE III: ENTANGLEMENT
  26. Fluctuations
  27. Transformation
  28. Collision
  29. Side Effects
  30. Frequency Modulation
  31. Magnetism
  32. Quid Pro Quo
  33. String Theory
  34. Fortune?
  35. PHASE IV: UNIFICATION
  36. Mirror Of Dreams
  37. The Lighthouse
  38. The Argument 2
  39. The Parting
  40. The Visitation
  41. The Breakthrough
  42. The Note
  43. The Uncertainty Principle
  44. Dark Energy
  45. The Theory of Everything Part 3
  46. The Blackboard (Reprise)

Besetzung

  • Bass

    Arjen Anthony Lucassen

  • Gesang

    JB, Sara Squadrani, Michael Mills, Cristina Scabbia, Tommy Karevik, Marko Hietala, John Wetton

  • Gitarre

    Arjen Anthony Lucassen, Steve Hackett

  • Keys

    Arjen Anthony Lucassen, Rick Wakeman, Keith Emerson, Jordan Rudess

  • Schlagzeug

    Ed Warby

  • Sonstiges

    Troy Donockley (Uilleann pipes and low flute), Ben Mathot (Violins), Maaike Peterse (Cellos), Jeroen Goossens (Flute, Bass Flute, Piccolo, Bamboo Flute, Contrabass Flute), Siddharta Barnhoorn (Orchestrations), Michael Mills (Irish Bouzouki)

Sonstiges

  • Label

    Inside Out Music

  • Spieldauer

    90:14

  • Erscheinungsdatum

    25.10.2013

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