Es wäre ein Leichtes, "Delta Machine" hochzujubeln - allein schon die Tatsache, dass es das neue Album von DEPECHE MODE ist, sorgt schließlich dafür, dass es nächste Woche an der Spitze der Charts stehen wird. Genauso wäre es ein Leichtes, "Delta Machine" dafür abzustrafen, dass es keinen Megahit à la "Enjoy The Silence" oder "Never Let Me Down Again" zu bieten hat. Andererseits ist die legendäre britische Band keine typische Single-Hit-Band - auch wenn sie mehr als genug davon zu bieten hat, die unbestritten Klassiker der düsteren Popmusik sind.
Vielleicht wäre es auch für die Band ein Leichtes, alte Erfolgsrezepte neu aufzukochen, was jedoch nie der Anspruch eines wirklichen Künstlers sein wird oder sein darf. Und so macht natürlich auch die Weiterentwicklung nicht vor DEPECHE MODE Halt, was "Delta Machine" umso deutlicher macht. Denn die kühle, minimalistische Elektronik, die das Album dominiert, ist eine deutliche Überraschung. Im Bestreben, ein modernes Album aufzunehmen, hat man sich an mitunter sehr experimentell anmutende Sounds gewagt, ohne aber die eigenen Trademarks in den Hintergrund zu stellen. So steht Dava Gahans Stimme mitsamt tollen Gesangslinien gleichberechtigt neben der Elektronik und große Refrains machen die Songs letztendlich auch immer wieder zu Songs, wie man sie von DEPECHE MODE erwarten darf. Wenngleich es eine Weile dauert, bis man die Stücke erfasst und begriffen hat, der anfängliche Eindruck, dass das Sounddesign vor dem Songwriting steht, verflüchtigt sich mit mit der Zeit immer mehr.
Trotzdem: die wabernden Sequenzer vor trockenen, recht druckvollen Beats im Opener "Welcome To My World" werden zunächst so manche Augenbraue nach oben gehen lassen. Auch mit dem Einsetzen von Gahans eindringlichem Gesang bleibt es zunächst betont reduziert, bevor der Refrain mit Streicherbombast Dramatik erzeugt. Nicht weniger elektronisch, aber deutlich harscher, aggressiver und offensiver präsentiert sich "Angel", das in seiner Direktheit ein wenig an "I Feel You" erinnert. Die schöne, soulige Ballade "Heaven" kennt man bereits als Singleauskopplung, der Song wirkt im direkten Vergleich wärmer und organischer. Direkt danach präsentiert man in "Secret To The End" wieder die pluckernden Sequenzer, der Song hat einen gelungenen Spannungsaufbau zum auffälligen Refrain hin. Ebenso ist "My Little Universe" spannend arrangiert, auch wenn die Elektronik wieder deutlich minimalistischer ist und "einschießende" Sounds einen guten Kontrast zum leicht fragilen Gesang darstellen. Der rauchige Barblues in "Slow" ist aufreizende Beischlafmusik.
Drei Songs hat Dave Gahan zum Album beigesteuert, einer davon ist "Broken", das am ehesten als klassischer DEPECHE MODE-Song durchgeht, luftiger und wärmer klingt und leicht an "Behind The Wheel" in den Gesangsmelodien erinnert. "The Child Inside" ist eine typische, introvertierte Martin-Gore-Ballade, die von ihm selber gesungen wird und als weinerlichster Song aus dem eher offensiven Charakter des Albums ausbricht. Kann man mögen, muss man aber nicht. Knallig-poppig ist "Soft Touch / Raw Nerve", "Should Be Higher" hat atmosphärische Sounds und einen der besten Refrains zu bieten. Das spannende, abwechslungsreiche und eindringliche "Alone" ist ebenfalls sehr gelungen und stärker als die zweite Single "Soothe My Soul", die ein bisschen an "Personal Jesus" erinnert und wiederum gewohnter klingt. Das bluesige "Goodbye" schließt den Kreis.
Gemäß dem "never change a winning team"-Motto wurde auch "Delta Machine" wieder von Ben Hillier produziert, Altmeister Flood hat gemischt. Martin Gore hat sich aber vermehrt in den Produktionsprozess eingebracht, um sicher zu gehen, dass das Album auch wirklich zeitgemäß klingt.
FAZIT: DEPECHE MODE sind in jeder Hinsicht gleichermaßen up-to-date wie ganz sie selbst. "Delta Machine" ist ein interessantes, mutiges und gewöhnungsbedürftiges Album, das seine Reize nicht sofort offenbart und Zeit braucht, sich zu entwickeln und festzusetzen. Die moderne Herangehensweise in den Sounds wird nicht jedem zusagen, aber zu lange auf einem Standpunkt zu verharren, vermindert die eigene Relevanz. Insofern haben DEPECHE MODE mit ihrem neuen Album sehr viel richtig gemacht und es wird interessant sein, zu sehen, wie die Leute in zwei Jahren über das Album denken.
Punkte: 11/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 22.03.2013
Martin Gore
Dave Gahan, Martin Gore
Martin Gore
Andrew Fletcher, Martin Gore
Columbia/Sony
58:16
22.03.2013