Was bitte erwartet den Hörer eines progressiven Rockalbums aus Italien, das nicht nur einem hochprozentigen Getränk huldigt, sondern auch in der ersten Musikminute den Eindruck erweckt, man hätte versehentlich GENESIS' „The Lamb Lies Down On Broadway“ aufgelegt?
Am Ende ein durchwachsenes Gebräu aus retro- und neoprogressiver Rockmusik, das sich um einen alkoholischen Cocktail aus Wermut, Anis, Fenchel und anderen Kräutern mit mindestens 45 Umdrehungen dreht (Ein wirklich gelungenes Wortspiel so kurz nach Silvester!). Dem Absinth waren viele große Künstler verfallen, von denen auf „Absinthe Tales Of Visions“ ganz besonders William Blake (The Sick Rose), Edgar Allen Poe (Alone), Lord Byrone (Song Of Saul Before His Last Battle / Prometheus) und Charles Baudelaire (Le Poison) gedacht wird, indem ihre Texte vertont werden. Und damit bei so vielen unterschiedlichen Charakteren auch die gesangliche Umsetzung ähnlich abwechslungsreich klingt, dürfen neben MARCO TERZAGHI, der zum Glück PAOLO PIGNY ablöste, & RICHARD GEORGE ALLEN auch gleich vier weitere Sänger mit in die musikalische Absinth-Destille, von denen besonders JON DAVISON, der ja nunmehr nicht nur GLASS HAMMER sondern auch YES seine Stimme verleiht, mit hinters Mikro.
Doch ob mit oder ohne Absinth im Blut – ich tue mich auf die Dauer immer schwerer mit diesem Album. Während auf „All I Am Is Of My Own MaKing“ (2010) noch ganz deutlich dem Italo-Prog gehuldigt und eine abgefahrene Geschichte über einen im Fahrstuhl hängen gebliebenen Zeitgenossen erzählt wurde, wobei allerdings der Gesang die deutliche Achilles-Verse war, ist diesmal der Gesang des 2012er Outputs durchaus reizvoll, nur die Musik hat ihren Reiz verloren. Progressive Härte hält Einzug, selbst wenn deutliche Bezüge zu YES oder GENESIS unverkennbar bleiben. Nur ist Härte nicht immer zugleich abwechslungsreiche Dynamik. Im Falle von „Absinthe Tales Of Romantic Visions“ klingt dieser stilistische Wechsel gezwungen und wenig überzeugend. Ein seltsames Musik-Durcheinander von GENTLE GIANT bis RENAISSANCE oder KING CRIMSON über SPOCK'S BEARD bis zu den FLOWER KINGS – so als hätten wir es hier mit einem musikalischen Prog-Rock-Gemischtwarenladen zu tun, in dem die Regale nach einem wirren, undefinierbaren System angeordnet wurden. Vielleicht ruft ja der übermäßige Genuss von Absinth solche Visionen hervor, über die Boxen der Musikanlage klingen diese jedoch stellenweise ungenießbar, was auch an der etwas zu dünn geratenen Produktion liegt.
Die stärksten Momente erreichen die Italiener immer dann, wenn sie sich auf ihre akustischen Instrumente - Klavier, Gitarre, Flöte und Percussion - besinnen, die leider viel zu oft mit einem Haufen Keyboard-Bombast und härteren Gitarrenintermezzos zugekleistert oder von einem Sangeswirrwarr „verscheucht“ werden. Manchmal ist eben ein bisschen weniger deutlich mehr! Das gilt nicht nur für den Genuss von Absinth, sondern auch für den Genuss von MOGADORs Musik!
FAZIT: Ein Album über hochprozentiges, grünes Zeuch und klassische Literatur nah am musikalischem Delirium, auch wenn es nicht viel mit YES' „The Gates Of Delirium“ zu tun hat, aber irgendwie doch danach schmeckt und ein klitzekleines wenig klingt.
Punkte: 8/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 07.01.2013
Luca Briccola
Marco Terzaghi, Richard George Allen, Jon Davison, Gebriele Bernasconi, Curzio Galante, Agnes Milewski
Luca Briccola
Luca Briccola
Richard George Allen
Luva Briccola, Filippo Pedretti
Mentalchemy Records / Just For Kicks
63:19
14.09.2012