Mit dieser dreifachen Vollbedienungen setzen THE OCEAN in puncto Musik-DVD (Blu-ray Alibis dürfen andere aushecken) genauso Maßstäbe, wie sie auch als Band seit Beginn ihrer Laufbahn nur sich selbst als Referenz angesehen haben. Vorhang auf - und er wird rund ein halbes Tausend Minuten nicht mehr fallen! - für Robin Stapps und ein seinesgleichen suchendes Kollektiv, das den Begriff "Post Metal" wie nur wenige andere prägt.
In ihrer Gesamtheit zeichnen die drei DVDs die Karriere der Gruppe chronologisch nach. Die frühen Videos (am Ende von DVD drei stehen die professionelleren neuen) und Live-Darbietungen folgen somit auf einen Rückblick, ausgehend von den Anfängen über die Bildung eines Bandgefüges zum Einstand "Fogdiver", jeweils die Alben und deren Enstehung sowie damit einhergehend die Konsolidierung der Besetzung. Bestechend insbesondere: persönliche Einschätzungen der Mitglieder untereinander und die angeschnittene Dichotymie alleinige Kontrolle kontra gemeinsame Arbeit. BREACH und NEUROSIS werden als nachvollziehbare Einflüsse genannt, und zum Schluss gibt es Lob von zahlreichen Kollegen, verpackt unter dem Fragemotto: Was macht Kunst und ihre Grenzen aus. Zu Wort kommen unter anderem Devin Townsend, Danny Cavanagh oder CYNIC und KYLESA Laura Pleasants.
Die unzähligen mitgeschnittenen Gigs belaufen sich im Kern abgesehen von den einzelnen Songs auf der letzten DVD auf das März-Konzert 2010 mit NEBRA im schweizerischen La-Chaux-de-Fonds(die enge Verbindung zum Land wird an anderer Stelle genauer angesprochen), wo man unter anderem "Heliocentric" komplett auf die Bühne brachte, sowie eine Dreiviertelstunde lang auf den Brettern des 2011er Summer Breeze. Die Performance des Ensembles im Museum für Musikinstrumente Anfang 2011 anlässlich einer Ausstellung zur E-Gitarre kommt mit kurz erklärender Einleitung (die Sprecher äußern sich durchweg entweder auf Deutsch oder Englisch, und das Ganze kann jeweils mit Untertiteln versehen werden) und gefällt mit monochrom beziehungsweise schwarz-weiß geprägter Optik nebst Video-Projektionen. Diese werden auf der zweiten DVD gesondert mit einem Kapitel bedacht.
Tour-Geschichten aus wirklich aller Welt, die mit beinahe drei Stunden den Hauptteil ausmachen, fordern auf DVD drei nicht etwa letztes Sitzfleisch beim Zuschauer, sondern erweisen sich als sehr kurzweilig und erhellend wie der ganze Rest. Die Nahrbarkeit der Protagonisten nimmt für THE OCEAN ein, als wüsste man angesichts der hübschen Aufmachung von "Collective Oblivion" nicht ohnehin, dass man es mit leidenschaftlichen Überzeugungstätern zu tun hat. Der feste Einband enthält ein üppiges Büchlein mit stilvollen Fotos, einem "Precambrian"-Tourtagebuch und zwei knappe Essays von Stapps sowie DVD-Macher Alex Kraudelt, der auf ähnlich hohem Niveau auch schon bei NEVERMOREs "The Year Of The Voyager" und VOLBEATs "Live: Sold Out"-Konzertfilm die Finger im Spiel hatte.
FAZIT: THE OCEAN und allen Mitgliedern voran Strippenzieher Robin sind aus dem weiteren Kontext des zeitgenössischen Metal nicht mehr wegzudenken. Längst beeinflussen sie eine ganze Menge anderer Bands mit ihrem Sound und ins Weite schielenden Visionen, wovon diese praktisch alles zum Band-Geschehen sagende Video-Aufbereitung ihres bisherigen Schaffens mit Nachdruck zeugt. Fans freuen sich sowieso über "Collective Oblivion", aber auch Interessenten an Musik-Dokus generell müssen das Ding eigentlich gesehen haben.
Erschienen auf www.musikreviews.de am 05.11.2013
Louis Jucker
Loïc Rossetti, Sean Ingram, Nate Newton, Caleb Scofield, Eric Kalsbeek, Tomas Hallbom, Dwid Hellion, Rene Nocon, Jan Oberg, Jason Emry
Robin Staps, Jonathan Nido
Luc Hess
Esther Monnat (Cello), Céline Portat (Bratsche), Estelle Beiner (Geige), Jérôme Correa (Saxofon), Robert Gutowski (Posaune), Hans Albert Staps (Trompete), James Yates (Vibrafon), Lionel Gafner (Kontrabass), Vincent Membrez (Klavier)
Metal Blade / Universal
500+ Minuten
08.11.2013