Wenn die Grenzen zwischen Ambient, Chillout Lounge und Neoklassik verschwimmen, dann droht nicht selten schlecht gepflegte Langeweile. Dass selbige bei ANTONYMES aus Wales nicht aufkommt, mag angesichts der neblig-fragilen Kompositionen verwundern, doch hat sich Ian M Hazeldine bereits im Umfeld der behutsam zusammengestellten „Chilltronica“-Serie ganz hervorragend behauptet.
Bereits der Titel dient dazu, etwaige Hörer zu verschrecken: “There Can Be No True Beauty Without Decay” lässt vom allzu heilen Weltbild einiges bröckeln, und genau genommen beschreibt der Waliser Hazeldine in 14 unaufgeregten Liedern kaum mehr als ein stetes Dahinschwinden des einst Schönen. Andächtig in klaren Pianomelodien, sachte verrauscht in Fragmenten, die den „Silence“-EPs von Ulver entnommen sein könnten, irgendwo im Nirgendwo, fernab vom medialen Tratsch und der flüchtigen Vergegnung im menschlichen Bröckeln dieser Dämmertage. Wer sich die Zeit nimmt, genauer hinzuhören, erkennt im Fallen (Lied 5: „Falling“) eine Andeutung von Schönheit auf eine Weise aufglimmen, die an den eigentümlichen Zauber des isländischen Klangkünstlers Jóhann Jóhannsson erinnert. Und zwischen Knarren und Knacken taucht mit einem Mal in allem Zerfall ein Hoffnung spendendes Licht auf (Lied 9: „Strange Light“), ein Glockenspiel, welches den Fall verkehrt und gen Himmel weist... kitschig? Vielleicht. Vorherhörbar? Kaum, denn – um ehrlich zu sein – es gibt hier nicht „viel“ zu hören, vielmehr hört das „innere Ohr“ die manchmal solitären Klänge nachhallen und spinnt sich seine eigene Musik zurecht.
So grimmig sich Hazeldine dann und wann in den Abgründen menschlicher Verlustierung (Facebook) über jene Scharlatane ereifert, die seine Musik auf Piratenplattformen hochladen und dort als Datenwust ohne das zugehörige, ebenso feinfühlig gestaltete Digipak-Album mit Photographien, Texten und Fragen zum Nebenbeihören verramschen, so akribisch arrangiert er seine Stücke: „Misshapen Beauty“ vereint knarzende Geigensaiten mit Überresten von Gesang und Anschlägen auf dem Klavier, die einer vereinsamten Seele aus den gichtgeplagten Fingern verrutscht zu sein scheinen.
Fazit: “There Can Be No True Beauty Without Decay” ist eines der ästhetisch beeindruckendsten Argumente für die Veröffentlichung von Compact Discs als Tonträger-Kunstwerken mit mehreren Ebenen, die im Zusammenspiel ihre Wirkung auf den Rezipienten entfalten. Die atmosphärischen Photographien von neblichten Gebirgshängen, dräuend verhangenen Wolkenhimmeln und dem weiten Meer darunter verleihen der Musik ein Spiegelbild, in welchem sich Tristesse und Schönheit die Hände reichen. Ob dieser Anblick verschreckt, beruhigt, einlädt oder nur verärgert, liegt an und in uns selbst. In jedem Fall ein außergewöhnliches Album.
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 17.01.2014
Ian M Hazeldine
Hibernate Recordings
67:55
28.10.2013