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Epica: The Quantum Enigma

Stil: Symphonic Metal

Cover: Epica: The Quantum Enigma

Diese Band muss in gewisser Weise das „Höher, schneller, weiter“-Motto leben. Und es stand ihr bislang auch gar nicht schlecht an: Die Entwicklung erfolgte in allen Bereichen, spielerisch, songschreiberisch, soundtechnisch und in Sachen Budgetierung. Kollege Schulz im Review zum Vorgänger bereits angemerkt, dass EPICA eine Grenze erreicht hätten, und offenbar sah die Band das ähnlich. Joost van den Broek (u.a. AFTER FOREVER und STREAM OF PASSION, sowie Lehrling bei Arjen Lucassen) als Produzent und Jacob Hansen als Engineer sollten für frischen Wind bei den Holländern sorgen.

Das Ergebnis heißt „The Quantum Enigma“ und präsentiert EPICA getreu ihrem Motto mit einer weiteren Höchstleistung, und zwar diesmal im Bereich Bombast. Bereits das typische, instrumentale Intro „Originem“ drückt einen mit der Wucht eines Blockbuster-Soundtracks ins Sitzpolster zurück, Geigen, Blechbläser und ein Chor künden von der beginnenden Show und selbst das Schlagzeug scheint mit klassischem Orchesterschlagwerk gedoppelt zu sein. Das ist nicht nur EPICA im besten Wortsinn, sondern auch Hans Zimmer, H. G. Wagener und Heerscharen an Film- und Fernsehkomponisten, die heute die Aufgabe haben, jede noch so banale Dokumentationssendung musikalisch an den Rand eines apokalyptischen Geschehens zu stellen. Das ist einerseits unbestreitbar eindrucksvoll und immer wieder ein Gefühl, dem man sich als Konsument gerne aussetzt. Aber die Komponisten dieser Branche wissen auch, was funktioniert, weshalb gewisse Elemente wie aus dem Setzkasten wirken.

Was das nun mit einer Symphonic Metal-Band zu tun hat? EPICA sind mit „The Quantum Enigma“ in einer Liga mit den Badelts und Wageners dieser Welt angekommen. Und sie haben mit vollem Orchester, Chor und fähigen Musikern alle Mittel für ein Epos im Hollywood-Format. Das verdient Respekt, doch andererseits tappen sie auch in die Austauschbarkeitsfalle. Der überwiegende Teil des Albums ist erschreckend vorhersehbar. Egal, ob es sich dabei um die richtig harten, gegrowlten Passagen, opernhaften Hooklines, breite, majestätische Passagen oder die wenigen Einsätze von Akustikgitarre und Klavier handelt: EPICA spielen, was den gewünschten Effekt erzielt, nicht mehr und nicht weniger. Keine Experimente oder schräge Passagen wie noch auf „Requiem For The Indifferent“. Dafür lieber noch eine sich empor schraubende Akkordspirale, ein von furzenden Bassposaunen unterlegtes Tutti-Riff, ein ekstatischer Unisono-Choreinsatz. Kurz: „The Quantum Enigma“ ist die Krone der Opulenz in diesem Genre, letzte Evolutionsstufe des Opera-Metal, eine barocke, ins letzte ausgezierte Klangkathedrale.

Das ist, vor allem bei der EPICA-üblichen Songlänge, erdrückend. Es eignet sich somit fast jeder Song von „The Quantum Enigma“ zum Antesten, denn mit Ausnahme des kleinen Intermezzos „The Fith Guardian“ („Samurai“ trifft „Gladiator“) bietet hier jeder Titel die „schon mal irgendwo gehörte“ Vollbedienung. Und das ist das Enttäuschende an dieser Scheibe. Bereits nach drei Stücken ist man überfressen und schlimmstenfalls gelangweilt. Es fehlt die Substanz in diesem hochprofessionellen Floskelüberfluss. Während das Textkonzept über Quantenphysik durchaus etwas Neues bietet, fehlt es EPICA an Spontanität, Direktheit im Sound und Hits mit längerem Haltbarkeitsdatum.

Um nicht alles über einen Kamm zu scheren: „Reverence – Living In The Heart“ hat tatsächlich einen sehr feinen Refrain, dennoch ist es wie das vorangehende „Chemical Insomnia“ in meinen Ohren ganz schön nah an alten NIGHTWISH-Glanztaten, und erinnert wiederum stark an den Chorus von „Unchain Utopia“ … Die Ballade „Canvas Of Life“ bietet außerdem eine späte Verschnaufpause und gibt Simone Simons die Möglichkeit, sich ungeschminkt und in Bestform zu präsentieren.

FAZIT: „The Quantum Enigma“ ist ein weiterer Schritt für EPICA und vielleicht auch das Album, das sich manche Fans gewünscht haben. Für mich geht dieser Schritt rückwärts in eine Sackgasse, denn wohin soll das Aufblasen aller Elemente noch führen? Taiko-Trommler und die Fischer-Chöre meets 2. Luftwaffenkorps? Kein wirklich schlechtes Album, aber angesichts des Aufwands und der Erwartungen nach den letzten Releases eine Enttäuschung.

Punkte: 9/15

Erschienen auf www.musikreviews.de am 05.05.2014

Tracklist

  1. Originem
  2. The Second Stone
  3. The Essence Of Silence
  4. Victims Of Contingency
  5. Sense Without Sanity - The Impervious Code
  6. Unchain Utopia
  7. The Fifth Guardian – Interlude
  8. Chemical Insomnia
  9. Reverence - Living In The Heart
  10. Omen - The Ghoulish Malady
  11. Canvas Of Life
  12. Natural Corruption
  13. The Quantum Enigma - Kingdom Of Heaven part II

Besetzung

  • Bass

    Rob van der Loo

  • Gesang

    Simone Simons, Mark Jansen

  • Gitarre

    Isaac Delahaye, Mark Jansen

  • Keys

    Coen Janssen

  • Schlagzeug

    Arien van Weesenbeek

Sonstiges

  • Label

    Nuclear Blast

  • Spieldauer

    69:27

  • Erscheinungsdatum

    02.05.2014

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