Im Vergleich zum bärenstarken Vorgänger „Beneath The Surface“ hat sich auf „iDentity“, Album Nummer drei der sächsischen Reinheitsgebots-Metaller ALPHA TIGER, „nur“ insofern etwas geändert, als dass der Fünfer stärker denn je seine eigene Identität gefunden hat. Waren Debüt und Nachfolger deutlich hörbar zwischen IRON MAIDEN und QUEENSRYCHE verortet – was bei den Fans ausgesprochen gut ankam – klingen ALPHA TIGER auf „iDentity“ nach – ALPHA TIGER. „Die Komfortzone verlassen“ nennt das die Band selber, und besser kann man es kaum umschreiben, was sich neun Songs (plus Intro) auf Album Nummer drei tut.
Klar, wenn man unbedingt Querverweise ziehen wollte, dann kann man immer noch die QUEENSRYCHE-Frühphase, als die Seattle-Metaller tatsächlich noch Metal gespielt haben, nennen, doch mehr als ein grober Fingerzeig ist das nicht. Kryptisch umschreiben lässt sich das Ganze mit melodiengetriebener US-Metal, der sowohl spieltechnisch als auch kompositorisch die Grenzen zum Progressive Metal stets im Blick hat, aber nie überschreitet. Und der von Stephan Dietrichs Stimme, einem der ausdrucksstärksten und eigenständigsten Sänger Deutschlands, veredelt wird – der Frontmann ist derjenige, der offensichtlich am meisten an sich gearbeitet hat und so stand- und sattelfest singt wie noch nie, trotzdem weiterhin permanentem Agieren in höchsten Tonlagen.
Im Vergleich zum Vorgänger klingt „iDentity“ zudem kompakter, mehr auf den Punkt gespielt – auch wenn einem der Terminus „Thinking Man’s Metal“, der in den 80er/90er-Jahren eben für Bands wie QUEENSRYCHE durchaus geläufig war, immer noch in den Sinn kommt: Anspruchsvoll arrangiert, aber jederzeit die Melodie als Ausgangspunkt im Blick, zudem mit Texten versehen, die sozialkritischen Bands der 80er- und 90er-Jahre zur Ehre gereicht hätten. Dabei schaffen es ALPHA TIGER, sowohl rasante Songs lupenreinen Metal-Zuschnitts zu kreieren („Lady Liberty“, „Shut Up And Think“ mit Speed-Metal-Attitüde), sich lässig intensive Midtempo-Hits wie den Titeltrack oder den Ohrwurm „We Won’t Take It Anymore“ aus dem Ärmel zu schütteln oder durch eine im Bandkontext eher ungewöhnlich arrangierte Powerballade („Closer Than Yesterday“) zu begeistern, ehe mit dem fast siebeneinhalb Minuten langen „This World Will Burn“ der abwechslungsreichste Song ein Album beschließt, das im Vergleich zum naiv-charmanten Debüt eine Band zeigt, die sich in einer unglaublichen Rasanz und Qualität weiterentwickelt hat.
FAZIT: Der durchschnittliche Heavy-Metal-Fan mag nicht gerne Veränderungen. Insofern ist der Schritt ALPHA TIGERs durchaus mutig, die „Komfortzone“ mit seinen 80er-Jahre-Verbeugungen zu verlassen und sich auf die eigene musikalische Identität zu berufen. Anders aber als beispielsweise bei Bands wie PARADISE LOST oder METALLICA, die im Laufe ihrer Karriere musikalische Abzweigungen nahmen, an denen sie lieber der Hauptstraße gefolgt wären, verdienen ALPHA TIGER jede nur denkbare Unterstützung – einfach weil sie genau die Musik spielen, die sie lieben. Und nicht, weil Trends oder Marketingexperten sie dazu ermutigt hätten.
Punkte: 13/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 09.01.2015
Dirk Frei
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Steamhammer/SPV
49:33
16.01.2015