Seit 23 Jahren eilen ANGRA in nahezu der ganzen Welt von Erfolg zu Erfolg, nur im deutschsprachigen Raum spielen die brasilianischen Progressive-Power-Metaller immer noch unverständlicherweise eine Nebenrolle. Unter den bisherigen sieben Studioalben befindet sich mit „Fireworks“ maximal ein durchschnittliches Album, alle anderen – sei es das naiv-charmante Melodic-Speed-Debüt „Angels Cry“, sei es das mit südamerikanischer Folklore aufgepeppte Zweitwerk „Holy Land“ oder alles aus der späteren progressiven Phase – können ohne jegliche Einschränkung mit den Standardwerken mithalten.
Mit „Secret Garden“ steht nun das achte Album in den Läden, erstmals mit Fabio Lione (RHAPSODY OF FIRE) am Studio-Mikrofon, nachdem der Lockenkopf in den letzten Jahren bereits zahlreiche Live-Auftritte mit der Band absolviert hatte. André Matos und Edu Falaschi haben als Sänger-Vorgänger große bis übermächtige Fußspuren hinterlassen, doch Lione schafft es, diese teilweise problemlos auszufüllen. Und das sagt jemand, der bislang kein ausgewiesener Fabio-Fan war. Doch der Italiener überzeugt von der ersten Sekunde an, singt äußerst variabel, klingt dabei wesentlich natürlicher und weniger gepresst als auf den RHAPSODY-Veröffentlichungen.
Stilistisch könnte „Secret Garden“ glatt als „Best-of“-Veröffentlichung ANGRAs durchgehen: Melodische Speed-Metal-Songs, die an die Frühphase der Band erinnern, werden ebenso geboten wie Tribal-Einflüsse aus der „Holy Land“-Zeit, und mehr als einmal blitzen die unverschämt hohen spielerischen Fähigkeiten der Band auf, um trotz aller Progressivität am Ende einen einprägsamen Song hinzubekommen. Dabei ist es neben dem Sänger insbesondere die Gitarrenfraktion Bittencourt/Loureiro, die immer wieder Ausrufezeichen setzt.
Höhepunkte gibt es dementsprechend mehr als genug –im Grunde genommen ist das gesamte Album ein Highlight, mit Ausnahme zweier Songs, und das sind bezeichnenderweise die zwei Songs, bei denen man sich Gastsängerinnen ins Boot geholt hat: Der Titelsong, bei dem Simone Simons (EPICA) die Leadvocals übernimmt, ist ein schreckliches Abziehbild der schwülstigen Femal-Fronted-Metal-Alben der 90er- und 00er-Jahre und ein Komplettausfall. Etwas stärker, da musikalisch mehr in der Nähe der typischen ANGRA-Betätigungsfelder angesiedelt, aber immer noch unterdurchschnittlich, fällt „Crushing Room“ aus, bei dem sich Doro Pesch und ANGRA-Leadgitarrist Rafael Bittencourt ein Duett liefern.
FAZIT: Melodisch, bombastisch, folkloristisch, progressiv – ANGRA klingen nach wie vor wie keine andere Band. Und es wird, verdammt nochmal, endlich an der Zeit, dass diese spielerisch wie kompositorisch herausragende Band endlich auch in Deutschland die Aufmerksamkeit und den Erfolg bekommt, den sie in ihrer Heimat hat. Und damit einher geht der Aufruf an alle, deren musikalische Interessenlage grob gesprochen zwischen HELLOWEEN und DREAM THEATER liegt, sich „Secret Garden“ schnellstens zuzulegen.
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 30.01.2015
Felipe Andreoli
Fabio Lione
Rafael Bittencourt, Kiko Loureiro
Bruno Valverde
Earmusic/Edel
54:23
16.01.2015