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Tribute: Terra Incognita (1990)

Stil: Art-Rock und orchestraler Prog

Cover: Tribute: Terra Incognita (1990)

Sireena Records haben es tatsächlich vollbracht, endlich alle vier offiziellen Alben der schwedischen Art-Rock-Band par excellence TRIBUTE, die man anfangs auch als die schwedischen OLDFIELDs bezeichnen könnte, digital hervorragend remastert und rundum liebevoll verpackt wieder neu herauszubringen, nachdem diese so wertvollen Musikperlen lange Zeit einfach nicht mehr zu bekommen waren oder für exorbitante Preise gehandelt wurden.

Leider war das außergewöhnlich ambitionierte, vierte Album „Terra Incognita“ zugleich das letzte von TRIBUTE. Danach sollten die Schweden aus welchem Grunde auch immer einen „Weißen Fleck“ (Terra Incognita steht für die noch unerforschten bzw. nicht kartografierten weißen Flecken der Erde) auf der musikalischen Landkarte anspruchsvoller Musik hinterlassen, die sich in den Reigen der Kunstwerke einreihten, welche sich atmosphärisch an den frühen Meisterwerken eines MIKE OLDFIELDs orientierten.

Auf „Terra Incognita“ wurden die oldfieldschen Aspekte deutlich zurückgenommen und durch gigantisch anmutende symphonische Klangwelten ersetzt, für die gleich ein ganzes Symphonie-Orchester aus der Heimatstadt der Band, Norrköping, sorgte. Das Ergebnis war fulminant, aber verunsicherte sicher auch einige derjenigen, die sich mit dem schwächsten, pop-orientierten TRIBUTE-Album „Breaking Barriers“, auf dem noch der MIKE OLDFIELD-Schlagzeuger PIERRE MOERLEN und TRIBUTE-Gründungsmitglied JOSEF RHEDIN aktiv waren, angefreundet hatten. Plötzlich waren da die „New Views“-TRIBUTE wieder zurück, welche, in Fortführung zu ihrem Debüt-Meisterwerk, sogar noch stärker auf ausgiebige Instrumentalpassagen und jede Menge Symphonik setzten!

Bereits der Einstieg mit „A Brand New Day“, aber auch „Didn‘t You Notice“ verblüffen, denn eigentlich klingen dieses instrumentalen Stücke wie TRIBUTEs zweites „Icebreaker“, welche bei diesen Melodien und sogar orchestralem Klang in jeder Radiostation, die nur etwas auf Anspruch geben würde, hoch und runter gespielt werden müssten. Ein schwer beeindruckender Einstieg in ein Album, das am Ende das Prädikat „außergewöhnlich anspruchsvoll“ und „rundum faszinierend“ erhalten müsste, wofür dann auch gleich der zweite Song „Poem för vandrare“, wundervoll von den Andersson-Schwestern auf schwedisch und der dritte „Where There Is A Shadow There Is A Light“ auf englisch gesungen, sorgen. Begleitet von Flöten, akustischen sowie oldfieldartigen Gitarren, hintergründigen Paukenschlägen, Glockenspielen und Vibraphonen, aber auch Piano und Synthesizer, kommen die engelsgleichen Stimmen nicht nur zum Tragen, sondern erheben sich in ungeahnte, fast himmlische Höhen.

Eine verträumter, mit akustischer Gitarre, Piano und Cello eingespielter „Herbstwind“, der sich zu einem klassischen Streicher-Stück samt Flötenbegleitung entwickelt, kündigt dann insgesamt sechseinhalb entspannte Minuten lang das symphonische Opus Magnum - welches leider auch das endgültig letzte von TRIBUTE bleiben sollte - an. 22 Minuten orchestraler Art-Rock wie man ihn in dieser Form und Qualität nur noch in den seltensten Momente (und davon eher in der Klassik als im Prog) allerhöchster Musik-Kunst wiederfindet.

Eröffnet durch Sprachsamples, die wie aus entfernten, schlecht zu empfangenden Radiostationen kommend klingen, in denen wir auch „Sieg Heil“-Rufe hören, welche dann durch den deutsch gesprochen Satz: „Den Krieg hat immer nur das einfache Volk zu erleiden, zu erdulden, zu ertragen!“, abgelöst werden. Streicher und eine bombastisch-finstere Keyboard-Untermalung beginnt, als müssten beide im Einklang das Leiden unschuldig getöteter Opfer in einen großen Klage erhebenden Klang verwandeln.
„Terra Incognita“ klingt wie ein Anti-Kriegs-Requiem, oder eine Todes-Symphonie, die den Opfern von Kriegen gedenkt. Schamanische Gesänge und Trommeln sowie Vogelgeschrei vernehmen wir dabei genauso wie reine Klassik mit faszinierenden Piano-, Bläser-, Streicher- und Chor-Arrangements, die deutliche Erinnerungen an die „Works“-Phase von EMERSON, LAKE & PALMER wachrufen oder elektronische TANGERINE DREAM-ähnliche Klänge, die mit einem Schlag in klassisches Piano-Spiel und rein symphonische Orchestralik übergehen. Hier vollbringt eine „Rock“-Band in Verbindung mit einem klassischen Orchester eine symbiotische Meisterleistung, die sich sogar über die legendären Vereinigungen von ELP oder YES mit klassischen Orchestern erhebt.
Höchste Zeit, endlich auch „Terra Incognita“ für sich zu entdecken und dorthin zu stellen, wo es hingehört: an die Spitze aller musikalischen Suiten, die auf die Vereinigung von Rock und Klassik setzen.

FAZIT: Alle, die dieses Meisterwerk aus Schweden noch nicht ihr eigen nennen, aber OLDFIELD, ELP, YES, STERN-COMBO MEISSEN und Andere, die mit klassischen Musikern ihre progressiven Rock-Werke aufführten, besitzen, werden garantiert nicht glauben können, dass sie „Terra Incognita“ bisher noch nicht entdeckten. Eine der schönsten Prog-Musik-Blüten, die bis heute noch viel zu sehr im Verborgenen blüht!
Ein Meisterwerk!
Punkt!

Erschienen auf www.musikreviews.de am 17.05.2016

Tracklist

  1. A Brand New Day
  2. Poem för vandrare
  3. Didn‘t You Notice
  4. Where There Is A Shadow There Is A Light
  5. Winds Of Autumn
  6. Terra Incognita

Besetzung

  • Bass

    Gideon Andersson

  • Gesang

    Nina Andersson, Lena Andersson

  • Gitarre

    Gideon Andersson, Dag Westling

  • Keys

    Gideon Andersson

  • Schlagzeug

    Tomas Bergquist, Magnus Fritz, Gideon Andersson, Lena Andersson

  • Sonstiges

    Nina Andersson (Vibraphon, Flöte), Bjorn Jason Lindh (Flöte), Martin Rosell (Posaune), Bo Öjebo (Oboe), Jonas Haltia (Trompete), Petter Karlsson (French Horn), Catherine Warburton (Geige), Niclas Weltman (Cello), Streicher-Quartett, Afrikanischer Chor, Hedvig Church Choir

Sonstiges

  • Label

    Sireena Records / Broken Silence Distribution

  • Spieldauer

    44:17

  • Erscheinungsdatum

    12.05.2016

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