Schon der erste Ton auf „The Red And The Green“ macht klar: Hier geht die Post ab und zwar genau in Richtung punkiger Folk- und leidenschaftlicher Celtic-Rock der Guinness-geschwängert früher einmal den POGUES zu riesigen Erfolgen verhalf, bis das Guinness dann über die Musik siegte, und der heutzutage ebenso bierselig von den DROPKICK MURPHYS vorgetragen wird und dabei viele von uns - ob betrunken oder nüchtern - mitreißt. Was auch für den völlig nüchternen Kritiker von THE WAKES zutrifft.
Die sechsköpfige Glasgower Band, die sicher jeden schottischen Pub zum Kochen bringt und deshalb wohl auch in der Mitte des Booklets feiernd in einem Pub am Tisch sitzt, bietet uns von der ersten bis zur letzten Musik-Minute ihres Albums schwungvollen Scottish-Folk mit jeder Menge irischer Wurzeln samt allen gewohnten Zutaten an, aber auch dem einen Rock- oder anderen Pop-Ausflug in britische Gefilde, welche sogar kurzzeitig im SEX-PISTOLS-Punk der Königinnenrasierer enden dürfen. Dabei erzählen sie in den Texten spannende, lustige, aber auch traurige Geschichten aus Gegenwart und Vergangenheit, die sie grundsätzlich im Booklet mit einem kurzen Vorwort einleiten. So können wir zu <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Ak7CGlWjkP8" rel="nofollow">dem wilden „Colours“</a> lesen, dass in Glasgow - eine Stadt geprägt von ihren Umständen - Farben ihre Geschichte von großen Kluften erzählen, die sich zwischen den beiden wichtigsten Dingen dort abspielen; der Religion und dem Fußball: „The colours are green / The colours are blue... Too young to remember it but old enough to die.“
Besonders beeindruckend ist „Peat Bog Soldiers“, in dem THE WAKES den deutschen Protestsong der Gefangenen „Die Moorsoldaten“, der auch zum Protestsong vieler anderer Gefangener wurde, die so singend ihren Widerstand zum Ausdruck brachten, auf ihre ganz spezielle Weise interpretieren und dabei sich nur im Refrain an der ursprüngliche Melodie orientieren. Ein Song der tiefer als Tief geht, wenn man ihn hört und vor seinem geistigen Auge die riesigen Reihen marschierender Gefangener sieht, die statt einer Waffe einen Spaten auf ihrer Schulter tragen. Diesem Song lassen sie - wie passend - einen Anti-Rassismus-Song folgen: „Remember who you are / Always and forever antifa!“ Genau das ist der richtige Weg! Gegen dumpfe Faschos anzusingen, statt sich mit ihnen auf eine Ebene zu begeben und auf sie einzuschlagen. Ein Stück, das in ganz Europa gesungen werden müsste.
<a href="https://www.youtube.com/watch?v=l_C8YglEwsc" rel="nofollow">„8.30 AM Glasgow Cross“</a> ist eine wunderschöne Ballade, die einen normalen Glasgower Sonntag vertont und einem der schönsten POGUES-Songs sehr nahe kommt: „Fairytale Of New York“. Ganz ähnlich verhält es sich auch mit dem todtraurigen Antikriegslied „Myth Of Return“, einem der schönsten Songs des vor schöner Musik überbordenden Albums.
Und so wird nach und nach jede einzelne Geschichte, jedes Stück Musik auf „The Red And The Green“ ein Kunstwerk, das Musikalisches, Poetisches, Historisches, Linkspolitisches und Leidenschaftliches in sich vereint.
Ganz große Kunst, verpackt in ganz großartiger Musik!
FAZIT: Wer vermisst noch heute diese unglaublich in die Tiefe gehenden und einen schwerbewegenden Pub-Folk-“Arien“ der POGUES?
Viele, denke ich!
Doch die haben jetzt einen würdigen Nachfolger gefunden: THE WAKES!
Erschienen auf www.musikreviews.de am 03.07.2016
Chris Cruikshank
Paul Sheridan
Paul Sheridan, James Ferrie
Chris Cruikshank, Marco Caffolla
Eamonn Maguire
Chris Cruikshank (Flöte, Saxofon, Whistle), Christopher James Sheridan (Harmonika und Backing Vocals), Scott Walker (Trompete), Paul Campbell McInally (Backing Vocals)
Drakkar / Soulfood
42:39
24.06.2016