Wo AYREON draufsteht ist große Rock-Oper drin. So auch bei „The Source“, jener knapp neunzigminütigen Klangexplosion, die etwas härter daherkommt als der Vorgänger „The Theory Of Everything“, aber voller „catchy“ Melodien steckt, wie Mastermind Arjen Lucassen ganz treffend feststellt. Doch bleibt STAR ONE weiterhin die Hardrock-Speerspitze Lucassens, „The Source“ tritt nur phasenweise heftig aufs Gas, immer wieder wird das Tempo gedrosselt, zwischen (lebhaftem) Folk mit leichter JETHRO TULL-Prägung und balladeskem Prog ist viel Platz für Herzschmerz und betörender Innigkeit mit viel Piano, Streichern, Flöten und elegischen Gitarreneinsätzen.
Inhaltlich ist „The Source“ mit „01011001“ (2008) verbunden, liefert eine Art Prequel zur dort erzählten Geschichte. Sechs Milliarden Jahre in der <s>Zukunft</s> Vergangenheit liegen die Geschicke der Bewohner des Planeten ‘Alpha‘ in den virtuellen Händen von Großrechnern. Die künstliche Intelligenz hadert mit ihren unvollkommenen Erschaffern und plant eine großangelegte Zerstörungsaktion beziehungsweise Rekreation. Flucht vom Heimatplaneten und ein Neuanfang irgendwo da draußen ist die einzige Option. Hätte jetzt nicht unbedingt so weit in der Vergangenheit angesiedelt werden müssen und ist auch nicht besonders originell. Doch Lucassen und seine vielköpfige Kollegenschar setzten die dramatischen Ereignisse mit Wucht, Engagement und viel Sturm und Drang um. „Run! Apocalypse! Run!“ besitzt beispielweise jenen (unbewussten) absurden Witz aus Alfred Hitchcocks „Die Vögel“, in dem als Abschiedsgruß ein fröhlich verkündetes „Das ist das Ende der Welt!“ verwendet wird.
Die zahlreichen mitwirkenden Sänger*innen interpretieren ihre jeweiligen und unterschiedlichen Rollen durch die Bank gekonnt, lediglich die hingeschmetterten Chorusse sind mitunter des Guten zu viel. Das aber stilvoll in der gehobenen Meat Loaf/Jim Steinman-Liga, es geht ja immerhin um den Weltuntergang.
Instrumental wird wie gewohnt mehr behände geklotzt als bescheiden gekleckert, die Gitarren dominieren knapp vor den Tasteninstrumenten, besondere Höhepunkte gehören allerdings eher den stillen Momenten mit Geige, Flöte oder dem Synthesizer bei Ausflügen ins stille Tal der Echoes. Bass und Drums sind ebenfalls sehr präsent und liefern mit Volldruck die Grundlage auf der sich die restlichen Beteiligten austoben dürfen und können.
Sehr witzig sind die kleinen Folkstanz-Schlenker („All That Was“), bei denen man gelegentlich den Eindruck gewinnt, Arjen Lucassen bewerbe sich als Komponist für den nächsten RIVERDANCE-Soundtrack. Sechs Milliarden Jahre weit entfernt wirbeln Elfen und Leprechauns schlenkerbeinig über die Bühne.
FAZIT: „The Source“ bietet zwar wenig Neues aus dem AYREON-Universum, dies aber mitreißend und mit großer Könnerschaft. AYREONs neunte Veröffentlichung besitzt Power, die Melodien sitzen, ja Arjen, sie sind catchy, die Instrumentierung, der Gesang ist volltönend, klasse in Szene gesetzt und bei allem Volumen nur ganz, ganz selten überladen. Stilvoll, klanglich ein Genuss: „The Source“ macht trotz der dystopischen Thematik einen Höllenspaß. Selbst „The Astonishing“-Verächter können sich unbesorgt annähern.
Das Album erscheint in vielfacher, und unterschiedlich teurer Ausführung: Der Besprechung zugrunde liegen karg ausgestattete Promo-CDs, die finale Version wird selbst in der Grundausstattung als Zweifach-CD besser bestückt sein. Daneben gibt es »The Source« als Doppel-CD mit zusätzlicher DVD im Digibook (auf der DVD befinden sich Musikvideos, Interviews, eine Making-of-Dokumentation und das Album im 5.1-Surround Sound); das sogenannte „Earbook“, welches aus vier CDs und einer DVD besteht. Natürlich wird das Werk auch als Doppelalbum auf Vinyl erscheinen.
Ausnahmsweise gibt es die lange Liste des Vokalensembles, samt Nennung ihrer Parts hier:
James LaBrie (Dream Theater) as The Historian[8]
Tommy Karevik (Kamelot, Seventh Wonder) as The Opposition Leader[9]
Tommy Rogers (Between the Buried and Me) as The Chemist[10]
Simone Simons (Epica) as The Counselor[11]
Nils K. Rue (Pagan's Mind) as The Prophet[12]
Tobias Sammet (Edguy, Avantasia) as The Captain[13]
Hansi Kürsch (Blind Guardian) as The Astronomer[14]
Mike Mills (Toehider) as TH-1[15]
Russell Allen (Symphony X) as The President[16]
Michael Eriksen (Circus Maximus) as The Diplomat[17]
Floor Jansen (Nightwish, ex-After Forever, ex-ReVamp) as The Biologist[18]
Will Shaw (Heir Apparent), Wilmer Waarbroek, Jan Willem Ketelaars, and Lisette van den Berg (Scarlet Stories) as The Ship's Crew
Zaher Zorgati (Myrath) as The Preacher1[19]
Erschienen auf www.musikreviews.de am 24.04.2017
Arjen Anthony Lucassen
Arjen Anthony Lucassen, Paul Gilbert, Guthrie Govan, Marcel Coenen
Arjen Anthony Lucassen, Joost van den Broek, Mark Kelly
Ed Warby
Arjen Anthony Lucassen (mandolin, synthesizers, solina strings, all other instruments), Ben Mathot (violin), Jeroen Goossens (flute, wind instruments), Maaike Peterse (cello)
Mascot Label Group
CD1: 44:09 / CD2: 44:30
28.04.2017