DIE GRENZGÄNGER, die bereits vergessene Kinderlieder interpretierten und klassische Widerstandslieder aufbereiteten, beschäftigen sich auf ihrem neuen Album wieder mit übersehener Kunst, genauer gesagt dem Schaffen von Dichter Georg Herwegh, der in puncto Bekanntheit stets hinter seinen Zeitgenossem Heinrich Heine stand.
Nichtsdestoweniger ist sein Schlüsselwerk "Lieder eines Lebendigen" weit im deutschsprachigen Raum verbreitet und wird als Referenz für die Literatur des 19. Jahrhunderts bzw. die Revolutionszeit angeführt. Am geläufigsten aus diesem Poesieband dürfte der Reim "Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will" sein.
Das Akustikensemble hat einen ausgesprochen facettenreichen Stil kultiviert, der sich gängigen Mustern von Folklore oder gar - Schockschwerenot! - Volksmusik (Schlager-Geschunkel ist gemeint) mehr oder weniger völlig entzieht. Der Sound von DIE GRENZGÄNGER wird von häufig dröhnend, aber auch melodiös eingesetztem Akkordeon bzw. Cello und Michael Zachcials einfühlsamer Stimme geprägt, wobei letztere ein gehöriges Identifikationspotenzial birgt. Gemeinsam mit Frederic Drobnjak webt der Mann zudem sowohl fragile als auch kraftvolle Gitarrenteppiche webt.
Dem auf diesem Album gebotenen Material wohnt subtile Melancholie inne, aber auch Heiterkeit wie im tänzerischen 'Leicht Gepäck'. Spielkulturell lassen sich Verweise zu "Zigeunermusik" genauso ausmachen wie Bezüge zu klassischen Liedermachern, dies insbesondere aus der Protestbewegung der 1960er, was ja zur Thematik von "Lieder eines Lebendigen" (der Platte, nicht dem Gedichtband) passt.
Zwischendurch beweisen gerade die Gitarristen außerordentliche Fingerfertigkeiten, wohingegen das Händchen der Musiker für ausgeklügelte Arrangements in jedem Stück deutlich wird. Dies macht besonders das bedrückende 'Germania mir graut vor dir' oder 'Lied vom Hasse' spannend, derweil die hochdynamische Produktion den Schöpfern zusätzlich in die Hände spielt. "Lieder eines Lebendigen" hat in Form dieser Vertonung eine Gänsehaut erzeugende Auffrischung erfahren.
FAZIT: Musikalisch Geschichtsaufarbeitung mit starkem Gegenwartsbezug. Auf "Lieder eines Lebendigen" klingen der Wille zur Demokratie und der europäische Gedanke im ursprünglichen Sinn an, ohne dass politische Parolen geschwungen werden. Dabei bestätigen DIE GRENZGÄNGER ihren Ruf, eine virtuose wie ausgesprochen emotionale Gruppe zu sein. In den Ohren dieses Hörers zumindest zählt das Quartett zu den führenden Vertretern seiner Zunft in Deutschland, falls es nicht sogar außer Konkurrenz fällt. <img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/ab7944f08a91436fa68ecbefc9dae7dc" width="1" height="1" alt="">
Punkte: 11/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 30.08.2017
Müller-Lüdenscheidt
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01.09.2017