Sieben Jahre nach „Dancing with Ghosts“ erschien 2016 mit „Fire From the Soul“ ein neues Studioalbum der deutschen Rock-Klassiker EPITAPH. Rund achtundvierzig Jahre nach Gründung mit noch drei Gründungsmitgliedern an Bord, das nötigt Respekt ab. Heißt zudem, dass Drummer Jim McGillivray nach diversen Gastspielen wieder fest zum Ensemble gehört. Achim Poret, der ihn vorher angemessen ersetzte, ist noch als Backgroundsänger dabei. Keine zu unterschätzende Position, denn die zahlreichen Satzgesänge sind wieder von ausgefeilter Natur. Selbst der hart an der Shanty-Schunkel-Schmerzgrenze herumlavierende Chorus von „No On Save Me“ ist technisch gelungen. Doch der Reihe nach.
Der Einstieg ist durchwegs gelungen. Griffiger harter Rock mit genügend progressivem Zierrat, um auf Dauer nicht zu langweilen. Die Gitarren, wie gewohnt auch im Doppeleinsatz, sorgen engagiert für ordentlich Dampf; fürs ästhetische I-Tüpfelchen ist Gastkeyboarder Klaus Henatsch (u.a. JUTTA WEINHOLD BAND, Peter Panka’s JANE, MOTHER JANE, NEKTAR) zuständig, der besonders an der Orgel selige Krautrock- wie Blues-Erinnerungen aufleben lässt. Wie erwähnt ist der Satzgesang allerfeinst, „The Way It Used To Be“ gefällt besonders durch seine Nähe zu den BEATLES, die mit Abkupfern rein gar nichts gemein hat. Auch „Fighting In The Street“ bietet überzeugenden Dampfrock mit Gefühl und stimmigem Violin- und Tasteneinsatz.
„No One Can Save Me“ lässt, bei ähnlichen Vorzügen, leicht nach, hier kommt bereits eine unglückliche Neigung zu arg simplen Hauruck-Rhythmen, gemischt mit karnevalsseliger Seemannssause durch. Ob das bei „Man Without A Face“ an Co-Autor Pete Sage liegt, der hauptamtlich bei den schwer erträglichen Möchtegern-Klabautermännern von SANTIANO tätig ist, sei mal dahingestellt. Der Song schmerzt, da nützt auch das passable, exponierte Gitarrenspiel nix.
Besser gelungen ist die Halbballade „Any Day“, die allerdings vom fast neunminütigen Titelsong getoppt wird. Der Song ist fein ziseliert, abwechslungsreich instrumentiert und pendelt gekonnt zwischen Mitsing-Refrain und melodischer Raffinesse, kleine LED ZEPPELIN-Verweise inklusive. Zur Mitte hin wird ein Zahn zugelegt, was sich problemlos und atmosphärisch in den Songkontext einfügt. Ganz starkes Stück.
„Spark To Start A Fire“ geht als launige Bewerbung für den Eurovision Song Contest durch, der eingeschobene Bnus-Track „Love Child“ zeigt, dass EPITAPH auch Melodic-Rock-Balladen können (es hätte des Beweises nicht unbedingt bedurft, aber Gottchen, das Soap-Opera-Gefühlige möchte halt auch gern mal ans Licht). Mit Feuerzeugatmo und BAY CITY ROLLERS-Lyrics geht’s weiter („Give a little Love“ und so) geht’s weiter, „Rondo Alla Turca“ ist dankenswerterweise nur eine halbe Minute kurz, der finale Track „One Of These Days“ sorgt dann nochmal für positive Stimmung in der feurigen Seele. SUPERTRAMP versuchen sich als AC/DC oder so. Warum nicht. Launig ist’s auf jeden Fall.
FAZIT: „Fire From The Soul“ macht trotz einiger Durchhänger und Nähe zum schlagerhaften Deutschrock Spaß und hat zudem ein paar deftige Highlights zu bieten, unter denen der ausufernde Titeltrack und das verspielte „The Way It Used To Be“ herausstechen. Insgesamt gediegener, melodischer Rock der besseren Sorte, garniert mit einigen Finessen.
Punkte: 10/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 11.08.2017
Bernd Kolbe
Cliff Jackson, Bernd Kolbe, Achim Poret
Cliff Jackson, Heinz Glass
Klaus Henatsch, Agnes Hapsari
Jim McGillivray
Tim Reese (violin), Pete Sage (violin)
MIG Music
57:25
18.03.2016