Erstaunlich zurückhaltend zeigen sich VESPERO auf ihrem neusten Output, bei dem es sich freilich nicht um ein reguläres Album der famosen Russen handelt. Eigentlich federführend auf "Carta Marina" ist der spanische Allround-Künstler Ángel Ontalva, der Prog-Grenzgängern durch OCTOBER EQUUS geläufig sein düfte, das gesamte Material geschrieben und "lediglich" von der Band in Form hat bringen lassen, ehe er die Abmischung und das Mastering der endgültigen Arrangements allein übernahm.
Die auf einem marinen Konzept beruhende Scheibe - kurios und anschaulich zugleich betitelte Stücke wie 'Giant Lobster Between the Orkneys and the Hebrides', ein vage orientalischer Ausbund an Schrägheit, regen das Kopfkino des Hörers an - wirkt in ihrer Gesamtheit wie eine drogenschwangere Reise über die Osthalbkugel des Planeten, und wer keine Wert auf Atonalität legt, sollte speziell in Hinblick auf das aufreibende 'Sledges Crossing the Gulf of Bothnia' einen weiten Bogen um "Carta Marina" machen.
Nachdem die Musiker aus dem Osten die jeweiligen Liedstrukturen festgelegt hatten, ließen sie sich als im Improvisieren erfahrene Instrumentalisten wiederholt die Zügel schießen. Mammut-Tracks wie die beiden klammernden - das Titelstück mit über zwölf und 'Ziphius' mit rund zehn Minuten - gewähren ihnen zahlreiche Freiräume für Gitarrensolos und akkordische Variationen, für welche die Keyboards zur Orientierung dienen.
'Insula Magnetica' ist faktisch Weltraum-Drone mit einigen aufhorchen lassenden Spitzen in Form unrhythmischer Gitarrenimpressionen ohne Verzerrung, aber die sechs Saiten bedeuten auf diesen Longplayer bezogen tatsächlich gewissermaßen die Welt: Ontalvas eigene Handschrift als Gitarrist ist umso deutlicher von jener Alexander Kuzovlevs unterscheidbar, wenn man den VESPERO-Stil gut kennt. Erst dann kann man auch den gesamten Reiz von "Carta Marina" genießen, denn das Album lebt im Besonderen von den Reibungspunkten des "Fremden" mit den angestammten Mitgliedern.
FAZIT: Sirrende Synthesizer und gar nicht so stoische, aber leicht nervöse Grooves der treibenden Sorte vereinen sich auf "Carta Marina" mit einigen auf spektakuläre Weise am Abgrund balancierenden Gitarreneskapaden zu einem musikalischen Kuriosum zwischen Psychedelic Rock und Freiform-Musik. VESPERO demonstrieren einmal mehr ihre Furchtlosigkeit als Künstler und haben in Ángel Ontalva einen Bruder im Geist gefunden, der ihr Repertoire um eine weitere Nuance bereichert. <img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/220f46d57fd34d9eabf25ddef8a8bb6d" width="1" height="1" alt="">
Punkte: 12/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 21.06.2018
Eigenvertrieb
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02.03.2018