Es muss nicht immer mittlerweile langweilig gewordener Vintage Rock aus Schweden sein, obwohl auch GREYBEARDS gewissermaßen klassisch aufgestellt sind, bloß eher im Sinn der 1990er in ihrer gesamten Vielfalt, was erdige Gitarrenmusik betrifft. Schon ihr Debüt von 2015 "Learning To Fly" war ein Renner, doch "For The Wilder Minds" markiert eine nicht für möglich gehaltene Steigerung.
Frühstückte das Quartett zuvor noch sehr offensichtliche Einflüsse ohne merklichen Mehrwert ab, spielt es mittlerweile dank markanter Ausstrahlung in seiner eigenen Liga. Zahlreiche Gigs auf internationalem Parkett dürften zu dieser Charakterfestigung beigetragen haben, doch so oder so: "For The Wilder Minds" bietet Gassenhauer im Akkord, und den Urhebern gelingt ein erstaunlicher Kunstgriff: Obwohl sie sehr zitierfreudig sind, ist das Ergebnis eine Platte, die in dieser Form nur im Hier und Jetzt entstanden sein kann.
Rotzrock-Chefproduzent Chips Kiesby hat der Band einen zeitlosen Soundanzug maßgeschneidert, auf dessen Grundlage GREYBEARDS alle Register ziehen, ohne ihr jüngst gefundenes Gesicht zu verlieren. Der übersteigerte Antreiber 'Come Undone' steht der noch dem Konsenz verhafteten Single 'Fast Asleep' zu Beginn gegenüber, und wenn der Singalong-Ruhepol 'Beautiful Things' himmelhochjauchzend zu Tode betrübt anmutet, steht er stellvertretend für den generellen Gestus von Sänger und Gitarrist Olle Westlund, der mit seiner klagenden Stimme fast schon die halbe Miete einholt.
Kommt 'You Struck Me' wie melancholische Foo Fighters, 'Cold December' wie gebrochene Backyard Babies und der Sleaze von 'Free' ein bisschen wie Warrior Soul zu besten "Salutations From The Ghetto Nation"-Zeiten daher, ist dies trotzdem keiner etwaigen Einfallslosigkeit geschuldet, sondern jeweils eine hingebungsvolle wie gekonnte Hommage an diese Helden. Weiterer Anspieltipp: das raue 'One In A Billion'.
FAZIT: "For The Wilder Minds" zeigt eine Band auf dem Scheitelpunkt ihrer Sturm-und-Drang-Zeit und dürfte in Zukunft schwer zu überbieten sein. GREYBEARDS erzeugen mit eindringlicher Lyrik und einer entsprechenden Leadstimme Gänsehaut, während die Musik an sich zum Schwelgen, Schwofen oder Schreien (vor Begeisterung) einlädt. Famoser Alternative Rock ohne jene Fallstricke, die der Stil meistens mit sich bringt.
Punkte: 13/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 20.06.2018
Attitude
40:25
04.05.2018