Um dieses unvorhergesehene Comeback von THE TWINS zu beleuchten, muss man wie so oft im Falle von Wiedervereinigungen mehr oder weniger bekannter Musikveteranen weiter ausholen, wobei der Werdegang des Duos letzten Endes interessanter bleibt, als seine neue Musik klingt. Diese lässt sich auch gar nicht in ihrer Gänze begreifen, wenn man den Hintergrund ihrer Schöpfer nicht kennt.
THE TWINS entstanden vor fast 40 Jahren aus Sven Dohrows und Ronny Schreinzers Impuls heraus, sich an der rasanten Entwicklung elektronischer Popmusik zu beteiligen. Im Sog ihrer internationale Charts dominierenden Singles 'Ballet Dancer', 'Not The Loving Kind', Love System und 'Love In The Dark' (eine Menge Liebe, nicht wahr?) hatte insbesondere Italien einen Narren an den beiden Jungspunden gefressen. Das Siebenzoll-Vinyl 'The Desert Place' wurde 1982 zu einem Renner, und mit 'Face To Face' knackte das Duo sogar die US-amerikanischen Billboard Dance Charts, was damals von Europa aus selten bis gar nicht gelang.
Mit Abstand betrachtet haben sich ihre klassischen Alben "A Wild Romance" und "Hold On To Your Dreams" als Zeugnisse jener Zeit gut gehalten. Als Konzerte gebender Act gingen THE TWINS zudem in die Geschichte ein, da sie zu den wenigen westlichen Künstlern gehörten, die hinter dem Eisernen Vorhang in Russland (Moskau und Leningrad) auftreten konnten. Anders als zahlreiche Eintagsfliegen im Pop-Bereich hat sich das Projekt lange gehalten und lieferte selbst in den 90ern, als ein anderer Wind Einzug erhielt, gehobene Qualität ab; nach 25-jähriger Funkstille (eine 2005 im schwedischen Göteborg gegebene Show, die auch mitgeschnitten und veröffentlicht wurde, nicht mitgerechnet) hat sich daran glücklicherweise nichts geändert, auch wenn "Living For The Future" ungeachtet des Titels leicht angestaubt klingt.
Umso besser eignet sich die Scheibe für eine zünftige Nostalgie- bzw. Retro-Sause, komplett mit anachronistischen Sounds und Arrangements, die im Vergleich zum heutigen Breitwand-Hochglanz-Pop relativ schnöde anmuten. Man braucht keinen Musikprofessorentitel, um die Platte zu begreifen, sondern nur eine Vorliebe für eingängige, synthetische Klänge. Das einfühlsame 'When I Lost You' und das ungleich kämpferischere 'Never Surrender' sind zwei von mehreren Preziosen, die selbst ohne zugedrücktes Auge Zeitlosigkeit ausstrahlen.
FAZIT: Angesichts der Tatsache, dass THE TWINS parallel zu ihrem Comeback auch eine Biografie ("Die Abenteuer der Twins") veröffentlichen, scheinen sie es noch einmal wissen zu wollen. Ihre aktuelle Musik hält den Standard von einst, auch wenn sie nicht zu 100 Prozent ins derzeitige Branchengeschehen passt, aber das macht "Living For The Future" trotz seines kommerziellen Appeals wiederum ein bisschen subversiv, und wer kann das heute noch (in diesem Fall wieder) von sich behaupten? <img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/3a888bd98ec74f369cdb9431b64ce842" width="1" height="1" alt="">
Punkte: 11/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 15.06.2018
Monopol
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01.06.2018