<b>„Let's fill our hearts with blackness.“</b> (ALPENTINES auf „Blackness“)
Was ist denn das nur für eine Aufforderung gleich zu Beginn des Albums: „Lasst uns unsere Herzen mit Finsternis füllen“? Da fällt dem Optimisten vor Schreck gleich der Tonarm aus der Hand, während alle Pessimisten sich vielleicht auf ein feines musikalisches Suhlen in ihrer Depribotschaftsphase einstellen.
Noch dazu wird man, kaum dass die Vinyl-Variante auf dem Plattenspieler läuft, über die träge Langsamkeit des Sounds verblüfft sein… Denn wer ahnt denn schon, dass man diese LP der Finsternis nicht etwa in der normalen 33er-, sondern der 45er-(Single-)Geschwindigkeit abspielen muss?
Also – alles auf Anfang, „Blackness“ von ALPENTINES auf den Plattenspieler, 45er-Geschwindigkeit eingestellt, den Drehteller anwerfen, Tonarm vorsichtig aufsetzen und das an Überraschungen genießen, was einen nun erwartet. Denn trotz aller tiefschwarzen Eröffnungen, leuchtet das Album mit seinem ELBOW-Charme deutlich mehr als auf den ersten Blick erwartet.
„Endure As Exercise“ klingt gar etwas beschwingt mit überdeutlicher Pop-Botschaft und dann gibt’s da immer mal wieder ein gewisses PRINCE-Gefühl, das sich beim Hören von „Blackness“ breitmacht, wenn sich beispielsweise die Haifische auf „Sharks In Pictures“ farbenfroh zu Wort melden.
<iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/VlvD493IJaA" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture" allowfullscreen></iframe>
„Low Light“ überrascht gar mit GENESIS-Anklängen aus der „Wind And Wuthering“-Zeit. Und wer dieses sehr atmosphärische und ruhige Album der frühen, gabriellosen GENESIS unter der PHIL COLLINS-Ägide mag, dem wird stimmungsmäßig wohl auch „Blackness“ von den ALPENTINES ein finsteres Lächeln ins Gesicht zwischen seine zwei Ohren zaubern, wobei dann mit „And The Night“ ein fast verstörender Abschluss gefunden wird, bei dem ungewöhnlicher Gesang auf klassisches Piano und kosmisch schwebende Keyboardflächen trifft, wobei sich auch das Schlagzeug voll experimenteller Rhythmik einmischt.
Ein gewagtes und gerade darum umso gelungeneres Ende eines viel zu kurzen Albums!
So vielfältig „Bitterness“ klingen mag, gilt nichtsdestotrotz, dass ein Album mit nur 25 Minuten Spielzeit einfach zu kurz ausfällt. So gut die wenigen Songs auch klingen mögen, ein Longplayer sollte zumindest die 40-Minuten-Marke erreichen und dabei kein Füllmaterial oder Ausfälle beinhalten – dann wird er wirklich zu einem guten Longplayer. So dümpelt ALPENTINES „Blackness“ irgendwo zwischen EP- und LP-Laufzeit herum, weist kein Füllmaterial oder Ausfälle auf, ist aber zeitlich viel zu spartanisch gehalten, um grandios zu sein, auch wenn die Idee mit der schnelleren Drehzahl gar nicht dumm ist. Doch dann hätte man auch klangtechnisch noch deutlich eine Sound-Schippe drauflegen können.
Schade dass die Kölner Band diese "Mehr-als-40-Minuten"-Tradition, die sie auf <a href="http://www.musikreviews.de/reviews/2018/Alpentines/Silence-Gone/" target="_blank" rel="nofollow">ihrem wirklich guten 2018er-Debüt „Silence Gone“</a> locker erfüllt, nicht auch auf „Blackness“ fortsetzt.
<iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/YK_1NlDJuCA" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture" allowfullscreen></iframe>
FAZIT: Nach ihrem ersten Longplayer „Silence Gone“ (2018) kehrt bei der Kölner Indie-Pop-Band ALPENTINES die Stille wieder zurück und geht noch dazu Hand in Hand mit jeder Menge Bitterkeit. „Bitterness“ ist musikalisch wie lyrisch eine kosmische Reise zwischen Trauer und Liebe, die man auf Vinyl sogar in 45er-Geschwindigkeit antreten muss. Leider aber ist die musikalische Flugzeit mit etwa 25 Minuten viel zu kurz bemessen.
Punkte: 10/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 17.06.2020
Philipp Gosch
Kay Lehmkuhl
Marian Menge, Kay Lehmkuhl
Kurt Fuhrmann, Philipp Gosch, Boris Rogowski
Kurt Fuhrmann, Pascal El Sauaf
Unter Schafen Records/Kontor Records
25:34
08.05.2020