Fast zehn anderweitig umtriebige Jahre brauchte Derek Sherinian (derzeit vor allem Sons Of Apollo) für den Nachfolger seines letzten Soloalbums "Oceania". Der Star-Keyboarder, der sich seine ersten Sporen u.a. bei Alice Cooper verdiente und dank Dream-Theater einen Stein im Brett der Prog-Gemeinde hat, legt nun mit "The Phoenix" ein weiteres typisches Album von Musikern für Musiker vor, das allerdings auch über diese relativ beschränkte Blase hinaus seine Hörer finden dürfte.
Der Amerikaner ist schließlich auch schon immer ein solider Songwriter gewesen, und obwohl sich der Großteil des Materials auf rein instrumentaler Ebene abspielt, sind die Strukturen der meisten Tracks ausgesprochen liedhaft, also braucht man zum Verständnis und Genuss von "The Phoenix" keine Professur und Musikwissenschaft oder dergleichen.
Auch rhythmisch relativ vertrackte Nummern - der ehemalige Toto-Drummer Simon Phillips verbürgt sich ansonsten für einen satten Punch - wie das düstere 'Empyrean Sky' laufen leicht rein, und um Aufmerksamkeit heischende Gäste - Joe Bonamassa, Bumblefoot Zakk Wylde (Ozzy Osbourne, Black Label Society), Steve Vai und Megadeths respektive Angras Kiko Loureiro - an den Gitarren machen den Zugang noch einfacher, weil man immerzu auf einen weiteren handwerklichen Knalleffekt wartet.
Der eingängige Kern geht aber selten verloren - und definitiv nicht während des spannungsgeladenen Heavy-Highlights 'Octopus Pedigree'. Das kurze 'Dragonfly', ein wohl improvisatorischer Beinahe-Alleingang des Künstlers am Klavier, lassen wir hingegen als verzichtbares Interludium durchgehen.
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Der Titelsong und Opener ist ein Speed-Rocker mit halsbrecherischer Gitarrenakrobatik, zu der Derek unisono spielt, und zugleich die technisch vermutlich anspruchsvollste Nummer im Aufgebot. Das abwechselnd verträumte und überschwängliche 'Clouds of Ganymede' sowie 'Temple of Helios' mit seinen loungigen Retro-Funk-Anwandlungen (Eighties-verdächtige Keyboard-Fanfaren inklusive) sind neben dem beinharten Finale die Epen des Albums.
Neben Bass-Unikum Billy Sheehan mit seinen wahnwitzigen Tappings traten im Studio übrigens auch Tony Franklin (Blue Murder uvm.), Jimmy Johnson (u.a. Allan Holdsworth) sowie der Studio-Tieftöner Ernest Tibbs auf den Plan. Der mit Abstand hellste Stern auf "The Phoenix" ist allerdings 'Them Changes' mit Blues-Halbgott Joe Bonamassa an Gitarre und Mikrofon; der Titeltrack von Buddy Miles' 1970er Soloalbum erfährt hiermit ein fulminantes Update fürs 21. Jahrhundert.
FAZIT: Ein sehr gutes Mucker-Album nicht nur für Instrumentalisten, die den Wow-Effekt nicht häufig genug erleben können, mit einer Cover-Version die alle Eigenkompositionen des eigentlichen Protagonisten überstrahlt. Unterhaltsam wie lehrbuchmäßig, wenn auch nicht absolut zwingend. <img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/2d2e9dd42c984ae6836f9cd429892b99" width="1" height="1" alt="">
Punkte: 11/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 16.09.2020
Inside Out / Sony
42:36
18.09.2020